that´s when I reach for my revolver

Obama, Tosca und die Medienhure

„Mit Tosca kam die Zärtlichkeit“, mit Obama ging sie wieder. So durfte ich beobachten, wie der Tosca-Flakon einer Normalo-Omi von den Sicherheitskräften in die auch sonst ziemlich überraschend bestückte Mülltonne entsorgt wurde. So radikalisiert man selbst Leute, die bisher nur über Backpulver diskutiert haben. Weiter ging´s mit sporadischen Selektionen hinter dem eigentlichen Abtast- und Taschendurchsuchwahnsinn. Es wurde befragt; man schrieb sich das auch auf. Ein Typ mit einem „Stop Death Penalty“-Pappschild wurde von privaten (!) Sicherheitsleuten unter den Augen deutscher Gesetzeshüter abgeführt. „Hätte man ihm nicht einfach das Plakat abnehmen können?“, hab ich gedacht und mich dann doch erinnert, wo wir eigentlich leben. „These now are walls we must tear down, Mr. Obama.“ Der Völkerverständigung tat das keinen Abbruch. Amerikaner fragten das Berliner Jungvolk, wie eigentlich „Mayor Wowereit“ so drauf sei. Da muss man nun wirklich nicht viel fremdländische Worte machen: „He´s a media whore!“ In Anbetracht dieser ganzen Obama-Wahlkampf-Operette hätte man aber tiefer stapeln müssen, weil sich „Medienhure“ so schlecht noch steigern lässt. Dann auch noch selbst zur TV-Schlampe geworden: Sich vom japanischen TV interviewen lassen, es toll finden und sich ärgern, dass man die piepsstimmige Synchronisation seiner selbst nie wird hören können.

Demnächst hier: Bericht über Kurt Becks „New York-Speech“ an der Freiheitsstatue


der Dude – Ritter der Schwafelrunde

3 Kommentare 29.7.08 10:58, kommentieren

teacher killed the video star

Im IMDB-Board zum Film „Network“ (1976) hinterließ jemand den Kommentar: „Most boring movie I´ve ever seen. I hated it. I had to watch it in school.“ Darauf fielen in sehr erwartbarer Art und Weise die Fans des besagten Films über ihn her. Variationen von sowas: „Sorry your teacher bored you so much. How CRUEL! This sadistic individual had the AUDACITY to try and expose you and your largely brain-dead classmates to an acknowledged classic that has been admired by FAR more intelligent people than you for over 30 years. He/she was probably trying in vain to stimulate an intelligent discussion about the power of mass-media, multinational corporations, and the history associated with each. How DARE a teacher attempt such ridiculous feats! There is a slim chance that you will graduate from public school some day, grow up, gain a little more insight, and give this film another chance.“ Das kann ich voll unterschreiben. Allerdings nur, wenn man den ganzen Zynismus rausstreicht (der mich doch ziemlich an den einiger meiner Lehrer erinnert). Z.B. ist der Hinweis auf die „geringe Chance“ im letzten Satz richtig. Nur nicht in dem Sinne, weil der vom Film gelangweilte Typ zu dämlich ist, sondern weil es wirklich sehr unwahrscheinlich ist, dass man Dinge, zu deren Konsum man gezwungen wurde, irgendwann doch noch wertschätzen lernt. Es ist nicht ausgeschlossen; aber doch eher TROTZ anstatt AUFGRUND der schulischen Beschäftigung damit. Die dem Lehrer unterstellte Absicht, den Film als Einstieg in einen kritischen Mediendiskurs zu nutzen, in allen Ehren; spannender jedenfalls als ein langweiliger Vortrag oder Sachtext. Die Hoffnung aber, dass die Schüler ihr Herz an diesen verordneten Unterrichtsgegenstand verlieren, ist eine pädagogische Träumerei sondergleichen. Und die kann sich schnell zur Wahnvorstellung steigern und in dem Zynismus enden, den manche Lehrer und der „Network“-Fan oben einsetzen, um anderen Menschen das Leben zur Hölle zu machen. Sowenig man nämlich gezwungen werden kann, eine Person zu lieben, sowenig scheint es mir einleuchtend, Begeisterung zu erwarten, wenn in einer Zwangsanstalt Texte/Filme gelesen/angeschaut werden. Die aknn sich nur unter den anarchischen Bedingungen der Freiwilligkeit entwickeln. Allein der HINWEIS meines damaligen Englischlehrers (Riesenarschloch vor dem Herrn) auf die geniale Kamerafahrt am Anfang von Welles´ „Touch of Evil“ (1958) hat dazu geführt, dass ich diesen Film bisher gemieden habe, wie der Teufel das Weihwasser, obwohl an dem Streifen für einen Filmfan eigentlich kein Weg vorbei führt. Von den zwangsgelesenen Texten ganz zu schweigen. Es gibt ein Essay von Hans Magnus Enzensberger mit dem Titel „Bescheidener Vorschlag zum Schutze der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie“, den ich am liebsten der versammelten Schar meiner Ex-Lehrer unters Kopfkissen legen möchte. Er beginnt mit einem zähen Rumpsteak. Die Metzgerstochter hatte die Interpretation eines Enzensberger-Gedichts versiebt. Es geht weiter mit schriftlich an ihn gewandten Hilferufen von Schülern bzgl. der Deutung seiner Zeilen (Klausurkopien samt Lehrerurteil anbei), um sich dann auf die Frage zu konzentrieren, wie man eigentlich harmlose Texte/Filme zu wirkungsvollen Folterinstrumenten umfunktionieren kann. Ich nehme die Antwort vorweg: Indem man sie in die Aktentasche eines Lehrers steckt! „Der Lehrkörper, der in diesen Zeugnissen in Erscheinung tritt, ist keineswegs homogen; seine Methoden reichen von der subtilen Einschüchterung bis zur offenen Brutalität, seine Motivationen von reinstem Wohlwollen bis zum schieren Sadismus. All dieser Nuancen ungeachtet, macht jener Lehrkörper doch im ganzen den Eindruck einer kriminellen Vereinigung, die sich mit unsittlichen Handlungen an Abhängigen und Minderjährigen vergeht, wobei es gelegentlich zu Fällen von offensichtlicher Kindesmißhandlung kommen kann. Als Tatwaffe dient jedesmal ein Gegenstand, dessen an und für sich harmlose Natur ich bereits dargelegt habe: das Gedicht. Wie aber kann aus einem so fragilen Objekt ein gemeingefährliches Angriffswerkzeug werden? Dazu sind besondere Vorkehrungen nötig. Wer von uns ist sich schon der Tatsache bewußt, daß er mit seinen Handkanten, diesen unscheinbaren und kaum benutzbaren Außenseiten, Mord und Totschlag begehen könnte? Dazu bedarf es allerdings einer ausgebildeten Technik. Sie heißt Karate, und an jeder dritten Straßenecke gibt es in Deutschland eine Schule, wo man sie erlernen kann. Die analoge Fertigkeit, die es erlaubt, aus einem Gedicht eine Keule zu machen, nennt man Interpretation. An dieser Wahnvorstellung der Interpretation wird mit unbegreiflicher Hartnäckigkeit festgehalten, obwohl ihre logische Inkonsistenz und ihre empirische Unhaltbarkeit auf der Hand liegen. Wenn zehn Leute einen literarischen Text lesen, kommt es zu zehn verschiedenen Lektüren. Das weiß doch jeder. In den Akt des Lesens gehen zahllose Faktoren ein, die vollkommen unkontrollierbar sind: die soziale und psychische Geschichte des Lesers, seine Erwartungen und Interessen, seine augenblickliche Verfassung, die Situation, in der er liest - Faktoren, die nicht nur absolut legitim und daher ernst zu nehmen, sondern die überhaupt die Voraussetzung dafür sind, daß so etwas wie Lektüre zustande kommen kann. Das Resultat ist mithin durch den Text nicht determiniert und nicht determinierbar. Der Leser hat in diesem Sinn immer recht, und es kann ihm niemand die Freiheit nehmen, von einem Text Gebrauch zu machen, der ihm paßt. Zu dieser Freiheit gehört es, hin- und herzublättern, ganze Passagen zu überspringen, Sätze gegen den Strich zu lesen, sie mißzuverstehen, sie umzumodeln, sie fortzuspinnen und auszuschmücken mit allen möglichen Assoziationen, Schlüsse aus dem Text zu ziehen, von denen der Text nichts weiß, sich über ihn zu ärgern, sich über ihn zu freuen, ihn zu vergessen, ihn zu plagiieren und das Buch, worin er steht, zu einem beliebigen Zeitpunkt in die Ecke zu werfen. Die Lektüre ist ein anarchischer Akt. Die Interpretation, besonders die einzige richtige, ist dazu da, diesen Akt zu vereiteln.“ (Enzensberger, Hans Magnus: Bescheidener Vorschlag zum Schutze der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie (1976). In: Ders. Mittelmaß und Wahn. Frankfurt a.M. 1988., S. 23 ff.)


Eine neue Schulkultur oder ein Kulturverbot für Lehrer; das scheinen mir die Alternativen zu sein, wenn man die Hoffnung auf persönliche Effekte der Texte/Filme nicht begraben will.


der Dude – Ritter der Schwafelrunde

3 Kommentare 29.1.08 08:44, kommentieren

Lebensabend, jetzt!

Ich habe das Portfolio meiner Seniorenhobbies erweitert. Neben Boule, Schach und Gartenarbeiten halte ich jetzt Enten und gehe angeln. Interessen sind glaube ich hormonell bedingt. Ich träume jetzt auch fast jede Nacht davon, dass die 5-jährige Dakota Fanning auf meinem Schoß sitzt und mir Kinderfragen stellt (wo das Licht hingeht, wenn man den Schalter ausmacht usw.). Ich habe ihr auch schonmal was aus Brehms Tierleben vorgelesen und anderes Kinder-Eltern-Zeug vollführt. In einem etwas weniger dem Jugendwahn verfallenen Umfeld könnte ich glaube ich damit sehr glücklich werden und hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Man kann sich aber gar nicht dagegen wehren, diese Lebensgestaltung als Verlust zu empfinden. So als wäre das das Ende und nicht der eigentliche Anfang.


der Dude – Ritter der Schwafelrunde

1 Kommentar 18.11.07 14:13, kommentieren

Ja, aber ...

Mir geht in letzter Zeit verstärkt eine bestimmte Gesprächshaltung auf den Geist. Es wird (sei es um ein Thema am laufen zu halten, das längst durch ist oder nur um die einfältige Vielfalt der eigenen Ideen zu dokumentieren) an allem und jedem rumjaabert. Es ist ja schön und gut, wenn man der Sicherheit halber auch mal negativ denkt. Aber so als allgemeine Reaktion auf alles? That´s when I reach for my revolver. Diese Haltung muß nichtmal ausgesprochen werden, man merkt es schon, wie der Gegenüber „Mmhh“ und „Ja“ sagt. Jede Äußerung wabert in diesem Ich-will-Haare-in-der-Suppe-finden-Soundbrei. Ich hab´s schon oft erlebt, daß wenn sich eine Gruppe über die Lösung eines bestimmten Problems einig ist, immer irgendwer noch mit irgendeiner megaschlechten Alternative um die Ecke kommt, nur weil sie noch nicht ausgesprochen worden ist. Und dann geht der ganze Scheiß wieder von vorne los. Vorhin meine Mutter: Es ging um einen Sommerschlafsack, den ich zur Zeit verfertige. Er besteht aus nichts anderem als einer Microfaserdecke, die mit einem dünnen Baumwollsatin zusammengesteppt werden soll. Erst wurde nach tausend Möglichkeiten gefahndet, wie das nähtechnisch scheitern könnte. Als sich das alles als totaler Unfug herausgestellt hatte, wurden die scharfen Geschütze der Unlogik aufgefahren. Vorgeschichte: Anstatt von zwei Schlafsäcken und zwei Luftmatratzen, packe ich in diesem Jahr nur eine selbstaufblasbare Doppelisomatte und das besagte Microfaser-Baumwolldeckchen in meinen Koffer. Hinzu kommt (wie im letzten Jahr) das Zelt. Jetzt wurde mir prophezeit, dass ich mit dieser Füllung über das 20kg-Limit von AirBerlin kommen würde. Ich dachte: aus der Nummer kommst du ja schnell raus, ist ja krass unlogisch, weil ich diesen ganzen Zirkus (Doppelisomatte kaufen, Sommerschlafsack nähen) ja eigens wegen Platz- und Gewichtsspargründen veranstaltet habe. „Äh, das Zelt wiegt 4kg, also habe ich noch 16kg für Isomatte, Decke und Koffer. Sollte reichen, denke ich.“ Das hält aber die Herren und Damen der Jaaber-Fraktion nicht davon ab, weiter rumzujabern, wo es nach den Gesetzen der Logik gar nichts zum jaabern gibt. Ich musste echt diesen ganzen Scheiß zusammensuchen (vor allem den Koffer aus so einer Jerry Lewis-Slapstickkammer – Wohnung aufgeräumt, alles in ein Zimmer gestopft, jemand macht die Tür auf: Lawine) und auf die Waage stellen. Ergebnis: 8 Kilo! Ich war völlig stolz. Meine Mutter unzufrieden. Ich bin mir ziemlich sicher, es ist noch nicht vorbei.


der Dude – Ritter der Schwafelrunde

4 Kommentare 18.6.07 11:52, kommentieren

"Er hätte eine Peitsche genommen und sie ihm in die Fresse geschlagen." (Kinski über Jesus)

Ich hab vor ein paar Jahren einen Roman gelesen, der fängt damit an, daß der Erzähler von einem Reagenzglas voller Säure berichtet, daß er immer bei sich trägt und ganz gespannt ist, wem er es wohl mal ins Gesicht schütten wird. Ich bin mir ziemlich sicher, daß dieser geniale Anfang eine Aufarbeitung der Rauchentwöhnung des Autors ist. Ich möchte nämlich auch jedem, der mir nicht den Arsch küsst, sofort in die Fresse schlagen; und wer nervt, der wäre mit der Reagenzglasaktion noch gut bedient. Die Programmierer der Online-Bewerbung für den Vorbereitungsdienst an Schulen (SEVON) sollten sich besser von mir fernhalten, wenn sie von ihren Verwandten noch erkannt werden wollen. Und wo wir grad dabei sind: Warum kostet ein polizeiliches Führungszeugnis 13 Euro Gebühren, obwohl nur Daten von einer Behörde zu einer anderen übermittelt werden (kein Blatt Papier wird verschwendet, keine Bearbeitungszeit für Stempeleien und sowas in Anspruch genommen)? Warum kann man in der vielbeschworenen Netzwerkgesellschaft eine Geburtsurkunde nur postschriftlich beim Standesamt des Geburtsortes beantragen, wo doch die Führungszeugnisaktion unter Beweis stellt, daß es auch anders geht? Warum erfährt man erst am Ende der Online-Bewerbungsprozedur, daß man die Unterlagen (Zeugnisse usw.) innerhalb von sieben Tagen nach Antragsstellungsdatum einreichen muß? Ich brauche nicht zu erwähnen, daß diese Maßgabe mit der Beantragung meiner Geburtsurkunde unvereinbar ist. Ich würd jetzt gern ein bißchen vögeln. So reagiere ich momentan auf alles. Ist glaube ich Suchtverlagerung.


Der Drang rauszuwollen nimmt unendlich zu. Der Globetrotter-Katalog ist mein Porno-NumberOne zurzeit. Leider ist die Reise erst im nächsten Jahr möglich. Wenn´s nach mir geht: Mit dem Bus von Berlin nach Oslo (83 Euro) und von da mit Fahrrad samt Anhänger die Südfjorde abklappern. Zelten: wild, wegen billig und erlaubt. Ich fange jetzt schon an Ausrüstungsgegenstände zu kaufen, weil man sich das auf einen Schlag ja gar nicht leisten könnte. Dann breite ich diese Gegenstände vor mir aus, baue sie auseinander und wieder zusammen, bastle an ihnen rum (neue Schnüre und Leinenspanner ans Zelt etc.) und das ist dann so ein bißchen wie jetzt schon unterwegs. Eigentlich krank, daß man sich danach sehnt sich den ganzen Tag abzuquälen, um sich abends bei aufgewärmtem Konservenfraß in den Dreck setzen zu können. Das sollte man mal einem Spargelstecher erzählen. Find ich übrigens cool von den Polen, daß die jetzt die mindestlohnablehnenden deutschen Bauern im Regen stehen lassen, weil sie in England und Schottland das Doppelte verdienen. Jetzt jammern sie rum wie die Pastorentöchter, die Ausbeuterbauern, daß der Spargel schon Licht kriegt. Bauern kann ich eh nicht ab, die sind alle dumm, brutal, haben ein Wurstgesicht und glauben trotz ihrer eigenen Erscheinung an die Schöpfung. Vielleicht haben sie Recht und Gott war einfach ein Bauer wie sie. Könnte einiges erklären. Egal, sie regen mich doppelt auf, weil die Sache mit dem Reagenzglas zu keinen nennenswerten Veränderungen führen würde.


Gibt aber auch Erfreuliches zu berichten. Meine erste Veröffentlichung ist soeben erscheinen. Zwar nur ein Essay in einem Sammelband, den nur die Autoren selbst lesen werden. Aber erstens: fünf Minuten Popstarfeeling ist auch o.k. und zweitens: es gibt ne Erscheinungsparty (oder wie man das nennt). Da auch hochrangige Entscheidungsträger zugegen sein werden, rechne ich mit Koks und Nutten bis zum Abwinken. Falls ich mich irre, dann ist das der indirekte Beweis dafür, daß die Leute eigentlich doch nicht richtig was zu sagen haben.


der Dude – Ritter der Schwafelrunde

3 Kommentare 15.6.07 13:36, kommentieren

Drei Irre unterm Flachdach

Wir werden von phrasendreschenden Großkotzen regiert, die sich über uns lustig machen. Jedenfalls haben gestern drei solcher Prachtexemplare mein Zugabteil zweifelhaft beehrt. Die haben eine richtige Vorstellung gegeben. Schon beim reinkommen. Managergrinsen, man redete laut, distinktive Machtwörter (Landtag, Fraktionssitzung, Kommission, Politprominamen etc.) ganz ganz laut. Man machte sich über Sekretärinnen lustig und es kamen auch ihre BUNGALOWS (laut!) zur Sprache. (Komisch, wo man damit doch seit 1980 beim Fußvolk gar nicht mehr angeben kann?!) Dann wurde es ruhiger, weil sie ihre Zeitungen rausholten. Aber nur kurz. Einer von den Dreien zitierte eine Passage aus einem Artikel, in dem auf die Diskrepanz zwischen Parteiprogrammen und realer Parteipolitik hingewiesen wurde. Man sah sich kurz schweigend an, um dann in brachial lautes Gelächter auszubrechen. Es fehlte nur das highfiving. Darüber kamen sie wieder ins „Gespräch“, das ein phrasen- und zynismusübersättigter Abgesang auf die Demokratie war. Und wie gesagt: laut. Schlingensief hätte das nicht schöner inszenieren können. Ich hab das nicht verstanden. Was ist daran so geil, wenn man der Welt zeigt: Seht her, politische Intelligenz ist ein ungepflegtes Grab! Ihr werdet von Idioten wie uns regiert und müßt euch selbst hassen, weil IHR uns gewählt habt. Endgültig über die Hutschnur ging es mir dann, als einer von den Dreien anfing, den beiden anderen was aus der Zeitung vorzulesen. Wieder so dermaßen laut, daß ich erst grinsen mußte. Ich dachte nach drei vier Zeilen wäre Feierabend, aber anscheinend wollte er wirklich den ganzen Artikel zur Aufführung bringen. Nach drei Minuten mußte ich tief Luft holen, um so laut dazwischenfahren zu können, daß man mich überhaupt hören konnte: „ENTSCHULDIGUNG?! Wenn sie fertig sind, darf ich ihnen dann was aus meinem Buch vorlesen? Ich bin da grad an einer so schönen Passage! Und es geht um Politiker. Das dürfte sie doch interessieren!“ Erst war der Typ total geschockt. Schnell wandelte sich seine Mimik aber Richtung: In den Staub mit dir, Unwürdiger! Ich lächelte ihn an und gab ihm zu verstehen: Bereit, wenn sie es sind! Leg mal los, Arschloch! Anscheinend hatte er aber doch was in dem Wahlkampf-PR-Kurs gelernt und sagte gequält überfreundlich: „Ja gerne, was haben sie denn da für ein Buch?“ Nachdem ich daraufhin mein Buch in die Runde gehalten habe, war unser Gespräch beendet. Er gab seinem Gegenüber die Zeitung und tippte auf die Stelle, an der ich ihn unterbrochen hatte. Ich lese grad:



der Dude – Ritter der Schwafelrunde

6 Kommentare 15.5.07 07:52, kommentieren

Der Pferd heißt Horst

Heute im Spam: „Achtung! Interessanter Angebot! In diesem Sommersaison fuehrt die Gesellschaft "Berliener Airlines" eine neue Aktion durch. (...) Beeiligen Sie sich!“


Heute bei Ebay: „Guter Luck! Devinitief Brongse!“


Dazu viel mir nix mehr ein.


der Dude – Ritter der Schwafelrunde

5 Kommentare 7.5.07 20:20, kommentieren

Yoda, Quasimodo und die Frau mit den Froschkönigsocken

Für die folgenden Zeilen bitte ich MadActor unterwürfigst um Verzeihung. Er hatte mich nach Köln eingeladen, um einer Aufführung der „Arturo-Schauspielschule“ beiwohnen zu können. Der Ort gefiel mir gut: Industriehinterhof-Romantik. Zu unserer Begrüßung oder einfach wegen des herrlichen Wetters lagen, standen und saßen attraktive Schauspielschülerinnen in der Gegend rum. Ich kann nicht sagen, woran es lag, wurde aber den zweiminütigen Eindruck nicht los, daß sie alle komplizierte Zicken waren. MadActor danach gefragt und Bestätigung erhalten. Um 18 Uhr mußte er rein zum Proben, um 20 Uhr ging´s los. Zwei Stunden also, um schachübend bei Sonnenschein und günstigem Kölsch nebenbei das Treiben dort zu beobachten. Innen, über dem Ausgangsportal des selbstverwalteten Bistros prangte der Spruch: „Liebe die Kunst in Dir, nicht dich in der Kunst.“ Nach meiner ersten Begegnung in diesem Bistro hätte ich den gern übermalt mit: „Affiges Rumflippen macht aus dir noch keinen Kinski!“ Es gibt da Leute, die können sich nichtmal ein Mars und ein Milkyway kaufen ohne sich dabei peinlich zu gebärden und sehnsuchtsvoll auf Reaktionen des Publikums (in dem Fall ich) zu warten. Vielleicht ist sogar der Spruch an dieser übertriebenen und unangebrachten Künstlichkeit schuld. Wenn die Kunst in einem ist, dann ist sie immer da, wohingegen das künstliche Ich auch mal Pause hat, wenn grad keine Kunst ist.

Zu der Aufführung selbst muß ich sagen, daß ich ganz falsche Erwartungen hatte. Ich wußte zwar, daß es sich um eine Improvisation handelt, bin aber davon ausgegangen, daß es doch so eine Art Theaterstück wird. In Wirklichkeit war das eher so eine Art öffentliche Lockerungsübung. Nach dem einleitenden Klangschalen-Biiiiiiiiing gings mit Ooooooohhhhhhhmm und Rumgewälze auf dem Boden weiter; instrumentiert durch diesen Hare-Krishna-auf-und-zumach-Leierkasten. Und zwar so dermaßen lange, daß ich förmlich genötigt wurde meinen Blick auf den Po des vor mir knienden Froschkönigsocken-Cuties zu richten; in den ersten zwanzig Minuten war das das Interessanteste. Dann fing irgendwer an, andauernd „Oh“ zu sagen; in zahlreichen Betonungsvarianten. Nach ein paar Minuten erwiderte jemand das mit dem Teletubbi-„o ohhh“: Lachsalven!

Erst nach etwa einer halben Stunde kam ein wenig Struktur in die Angelegenheit. Die Schauspielschüler sollten nämlich jeder einen Song vorbereiten, der für sie autobiographisch bedeutsam ist und dann die mit diesem Song verbundene Gefühlslage improvisatorisch zur Darstellung bringen. Diese Selbstdarstellungen waren zwar teilweise sehr expressiv, aber es waren eben SELBSTdarstellungen und kamen mir, der mit Schauspiel, also mit der Verkörperung von Nicht-Ichs, gerechnet hatte, sehr merkwürdig vor. MadActor machte den Anfang mit einem souveränen Vortrag eines italienischen Liedes. Meines Erachtens die beste, weil inhaltlich schlüssigste Darbietung des Abends. Der Text des Liedes handelte von Heimat und Heimatlosigkeit, und das Tape, auf dem der Song drauf ist, ist in MadActors Leben ein Sinnbild für dieses Heimatproblem. Sowas find ich gut, weil ich das nachvollziehen kann. Die andern haben ihn auch machen lassen. Andere Soloparts wurden in der Folge nämlich häufig durch körperliche Einmischungen und sprachliche Einwürfe der dümmeren Art von den Mitakteuren gestört. Es gab aber auch Lichtblicke. Einer hatte sich den Byrds-Song „Turn Turn Turn“ ausgesucht, und eine Kollegin hat denjenigen welchen bei dem Vortrag dann windmühlenmäßig herumgewirbelt.

Nervig war dann ein Angebertyp. Aufgesetzte Coolness hatte seinen Körper gewichtherbermäßig verformt. Seine Eltern sind mit ihm durch die Weltgeschichte gereist. Das hat er dann lautstark und prahlerisch zum besten gegeben. Wie offenbar im Kollegenkreis schon oftmals zuvor. Seine Frage „Wißt ihr eigentlich, wie oft ich schon in tödlichen Situationen war?“ wurde jedenfalls mit einem gelangweilten Unisono-“JA!“ der anderen beantwortet.

Die allerschlimmste Szene – ich war drauf und dran rauszugehen – war schon gegen Ende: Anstatt seinen vorbereiteten Song aufzuführen erzählt einer der Schauspielschüler davon, dass er einen der Mitakteure gestern beleidigt und sich noch nicht dafür entschuldigt habe und daß außerdem seine Freundin nicht zur Aufführung gekommen sei. Er bekommt einen Heulkrampf, wird von den anderen angeschrien sich auf den Boden zu legen, was er, weiter Rotz und Wasser heulend, auch tut; währenddessen macht woanders wer Faxen, die Lehrer und Schauspieler lachen. Ich hasse die jetzt, weil ich keine leidenden Menschen sehen kann und Leute nicht verstehe, die Lachen können, wenn es jemandem im Bereich ihrer Aufmerksamkeit schlecht geht. Und es ging ihm schlecht. Es war ja nichts Gespieltes, keine Schauspielerei. Madactor berichtete mir später, daß die Lehrer vom Trösten abraten, weil nicht ausgeschlossen werden könne, daß der Heulende grad genau diese Stimmung haben will. Für meine Person kann ich das ausschließen. Mich darf man trösten, dann geht’s mir schneller wieder gut; ich bin nämlich nicht gern traurig und schon gar nicht freiwillig.

Was mir sowohl draußen als auch während der Vorführung auffiel, ist, daß viele der Beteiligten enormen Wert darauf legen, von ihren Mitmenschen als abgefahren bzw. verrückt wahrgenommen zu werden. Ein Schauspielschüler hat sich sogar zu der Peinlichkeit hinreißen lassen, das expressis verbis auf die Bühne zu bringen. Wahrscheinlich für den Fall, daß es einem nicht sofort selbst auffällt: „Als Kind war ich total abgedreht. Jetzt bin ich noch abgedrehter.“ Ich glaube genau das ist das Kinski-Mißverständnis. Der ist ausgerastet, wenn ihn einer verrückt genannt hat und hat ständig betont, daß er sich für einen Normalo und alle anderen für totale Idioten hält. Die  Rechnung "Ich bin so abgedreht ich muß also ein genialischer Schauspieler sein", die geht nicht auf.

Nach der Aufführung hatte ich dann noch das zweifelhafte Vergnügen einen Schauspiellehrer aus der Nähe zu erleben. Der redete Künstlertypen-Deutsch in Reinform: „Ich mach ja viel mit Bildern, geh am Anfang immer mit Bildern rein, aber jetzt ist es so toll, jetzt ist ne Beziehung da und die Bilder sind weg.“ Ähhh, dein Vater er ist? Ich mußte jedenfalls sofort an die Stelle bei „George Lucas in Love“ denken, wo George Lucas seinen Professor (die personale Vorlage für Yoda) fragt: „Excuse me, Sir, could you speak ... forward?“ Und auch an den Richard Kimble-Jäger in „Auf der Flucht“: „Ab sofort benutzt in meiner Gegenwart niemand Wörter die keiner versteht.“

Auch was man so an Gesprächen unter den Schauspielschülern mitbekam war alles andere als „normal“. Normalität heißt dort: entweder depressiv oder manisch wirken zu WOLLEN; nicht zu SEIN. Auf jeden Fall kamen mir alle Regungen dort sehr künstlich und aufgesetzt vor. Vielleicht täusche ich mich aber auch, die sind wirklich krank und lassen sich das Ausleben dieser Störungen 500 Euro Schulgeld im Monat kosten; woanders wäre das so uneingeschränkt kaum möglich.

Wie gesagt, die Merkwürdigkeiten in der Aufführung hatte ich alle mir und meinen falschen Erwartungen zuzuschreiben. Deshalb will ich unbedingt nochmal hin, wenn da Schauspielerei stattfindet. Dann wird’s auch einfacher für mich; ich bin dann ja schon auf den Bilder-Yoda, die Milkyway-Käufer und den kosmopolitischen Glöckner von Notre Dame eingestellt. Ganz zu schweigen von der Frau mit den Froschkönigsocken, die wäre auch ohne jedwede Schauspielerei eine Reise nach Köln wert.


der Dude – Ritter der Schwafelrunde

7 Kommentare 30.3.07 12:38, kommentieren

Frauen anglotzen

Ich erinnere mich an ein Youtube-Video, da ist ein ziemlich schlagfertiger Bauchredner mit seiner Hundehandpuppe bei irgendwelchen Events aufgelaufen und hat dort Leute interviewt. Unter anderem auf einer Star Wars-Convention. Zwischen Tausenden Männern und Jungs hat er eine wirklich süße Prinzessin Leia ausgemacht. Bei dem Interview waren die drei (er, Hundehandpuppe, Leia) von gaffenden Star Wars Nerds umgeben. Seine erste Frage: "This must be a crazy feeling for you: the only woman between all these guys who don´t know how to please you." Am Donnerstag habe ich meine Freundin mit zum Schachclub genommen ...
 
Der Schachplan ist angekommen. Jetzt kann ich mir Schachkunstwerke an die Wand hängen. Also zum Beispiel die Spielsituation, nach der Aljechin vier Figuren geopfert hat um den gegnerischen König in der Brettmitte mattzusetzen. Wegen des verlorenen Spiels vom Donnerstag hängt da jetzt erstmal ein Mahnmal meiner Dummheit.
 
Übrigens muß ich hier die Pointe der diesbezüglichen Ebay-Geschichte schuldig bleiben. Der Schüler, der sich bei mir entschuldigen sollte, fehlt seitdem in der Schule. Das hat mir die Lehrerin geschrieben nachdem ich positiv bewertet habe. Schade, wäre bestimmt blogbar gewesen.
 
der Dude - Ritter der Schwafelrunde

3 Kommentare 24.3.07 07:40, kommentieren

Die Unterschichten-Business-School

Der Chevalier weiß ein Liedchen davon zu singen, an was für Idioten ich schon bei Ebay geraten bin. Aber sowas Skurriles wie letzte Woche ... Lange Vorgeschichte kurz: Ich hab was ersteigert und überweise den Betrag eine Minute nach Auktionsende online. Nach fünf Werktagen und keinerlei Rückmeldung frage ich nach, ob das Geld schon angekommen sei (es hätte schon am Tag nach der Überweisung da sein müssen, weil Verkäufer beim selben Geldinstitut). Sprachlich verkorkste, möchtegernförmliche Mail vom Verkäufer-TEAM des angeblichen Ebay-Shops (11 Bewertungen für unnützes Gerümpel, drei aktive Auktionen): Das Geld ist noch nicht da. Mail zurück: Das ist unmöglich. Antwort: WIR sind in den Artikellisten verrutscht. Das Geld ist da. Die Ware geht „wie immer spätestens zwei Werktage nach Überweisung raus“. Nochmal fünf Werktage später habe ich vorgestern wieder gefragt, wo die Ware bleibt und bekomme eine an Unverfrorenheit nicht zu überbietende Mail: Geld ist nicht da. Ich soll nochmal überweisen, ansonsten krieg ich die Ware nicht, und ich solle mir mal die tollen Bewertungen des TEAMS ansehen. Auch diese Mail hätte die Sprachintelligenz eines Dreijährigen beleidigt. UND JETZT KOMMT´S: Kurz nach dieser Mail krieg ich von derselben Adresse wieder eine Mail, und zwar folgende:

Sehr geehrter Herr Dude,


ich möchte mich noch einmal im Namen meiner Schüler entschuldigen. Wir haben eine Schülerfirma gegründet, um den Jugendlichen wirtschaftliche Zusammenhänge beizubringen. Leider sind ihnen dabei unverzeihliche Fehler unterlaufen. Es handelt sich um Jugendliche, die wirklich noch viel lernen müssen.


Das ... geht morgen an Sie heraus und ich werde Ihnen den eingezahlten Gesamtbetrag als Entschuldigung zurück überweisen. Es wäre schön, wenn Sie dieses annehmen könnten.


Der Schüler, der Ihnen heute Nachmittag ohne meine Kenntnisnahme per email geantwortet hat, hat eine Abmahnung bekommen und wird sich morgen in aller Form bei Ihnen entschuldigen.

Ich werde das ... morgen persönlich abschicken und wenn Sie mir Ihre Konto-Nummer geben auch morgen das Geld zurück überweisen.


Ich möchte mich im Namen aller Schüler noch einmal bei Ihnen entschuldigen und Sie bitten den Schülern, die bisher gut gearbeitet haben, noch eine Chance zu gebn.

Mit freundlichem Gruß

Frau ... (im Namen des ...-Teams)


Jetzt bin ich ein wenig hin- und hergerissen, zwischen der Freude über einen geschenkten Artikel und der Angst, daß der gerügte Schüler mich ausfindig machen und foltern wird (und sei es nur mit seinem falschen Deutsch). Natürlich habe ich der armen Frau ... geschrieben, daß ich positiv bewerten werde, Hauptsache ich kriege die Ware in absehbarer Zeit und daß ich ihr viel Glück wünsche für das tolle Projekt. Den Tip, vielleicht in Zukunft den Schülern doch nicht mehr den Mißbrauch ihrer PRIVATEN EMAILADRESSE zu gestatten, konnte ich mir aber nicht verkneifen. (Ich würde mir an ihrer Stelle ausmalen, in wievielen Natursektforen ich unter meiner Realnamen-Mailadresse gelistet bin oder wann wohl der Verfassungsschutz bei mir aufläuft, wegen meiner zahlreichen Aufrufe zum Jihad in Westeuropa.)

Jetzt kann ich es natürlich abwarten, endlich diese Entschuldigungsmail zu lesen.


der Dude – Ritter der Schwafelrunde

4 Kommentare 21.3.07 07:56, kommentieren