that´s when I reach for my revolver - Volume One

Es gibt Dinge, die nerven von sich aus. Immer und jeden. In eine allgemeine Verkehrskontrolle geraten und wissen, daß die ASU ein halbes Jahr überfällig ist. Sowas eben. Man weiß sofort: das wird jetzt nicht schön. Interessanter sind da schon individuelle Wut- und Angstauslöser, also Phänomene, die Einzelnen die Zornesröte ins Gesicht treiben, von anderen Menschen aber kaum bemerkt oder lässig ignoriert werden. Beispielsweise plagt mich eine elende Regenschirmphobie. Eine ständige Angst, von Spanndrahtspitzen zu tief gehaltener Regenschirme in die Augen gestochen zu werden, macht mir das Einkaufen in Fußgängerzonen bei Niederschlag fast unmöglich. Manchmal geht es nicht anders, und ich muß doch raus. Dann warte ich förmlich auf die erste Attacke, die ich trotz erheblicher Vorsicht (geduckte Haltung, Slalom um Menschenverdichtungen usw.) bis dato nie habe verhindern können. Irgendwann piekt es auf meinem Kopf: that´s when I reach for my revolver! Ein ähnlicher Auslöser für Tobsuchtsanfälle sind Leute, die mir an der Kasse wiederholt mit ihrem Einkaufswagen in die Hacken fahren. Es soll Menschen geben, die richtiggehend unter diesen Idiosynkrasien leiden. (Vgl. Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Aphorismus 19. Frankfurt a.M. 1951.). Aber es gibt Schlimmeres. Zum Beispiel wenn Sachen, die man für sein Leben gern macht, einem durch äußere Einflüsse verleidet werden. Und sowas steht mir am kommenden Wochenende bevor: 24 Stunden lang.

Ich bin ein leidenschaftlicher Boulespieler. Seit fünf Jahren, angefixt durch einen Literaturwissenschaftler in Münster, für den ich als Student gearbeitet habe, angelernt von Franzosen der ehemaligen Besatzungsmacht in Berlin. Was mich besonders und ohne Unterlaß am Spielverlauf fasziniert, ist der ständige Wechsel aus phlegmatischer Ausgeglichenheit und konzentrierter Anspannung. Mit den richtigen Leuten praktiziert ist ein Bouleplatz eine Oase der Ruhe, in der aber die Luft vor Konzentration knistert. Außerdem ist es für mich die einzige Möglichkeit, meinen Körper auf eine halbwegs ästhetische Weise zu bewegen. Da hier in der Provinz nicht viel geht in Sachen Boule, von regelmäßigen Turnieren ganz zu schweigen, habe ich mich gegen meine Vereinsaversion breitschlagen lassen, einen hiesigen Club bei den Landesliga-Spielen zu unterstützen. Die Saison ist auch ganz gut gelaufen und es hat Spaß gemacht, auf vielen neuen Plätzen zu spielen. Man lernt diesbezüglich ja nie aus. Leider ist da ein Typ in der Mannschaft, der so ziemlich alle Eigenschaften, die mir bei Pseudo-Boulisten auf den Sack gehen, in sich vereinigt. Erstens kann er seine Klappe nicht halten. Das äußert sich vor allem darin, daß er andauernd und lautstark mit dem Gegner einen auf Kumpel macht und gleichzeitig in einer Tour die eigenen Kugeln (technisch gesehen: korrekterweise) schlechtredet. Das zeugt von einer totalen Respektlosigkeit den Partnern wie den Gegnern gegenüber. Eigentlich wird mit dem Gegner nämlich nur das Nötigste gesprochen. Nicht um eine feindselige Atmosphäre zu erzeugen, sondern um den Gegner in Ruhe sein Spiel machen lassen zu können. Aber nein, er kommentiert jede Kugel von denen. Zwar macht er das immer so, als wolle er den Gegner aufbauen ("Kann ja mal passieren. Die nächste wird besser." ), aber ändert nichts an den Schamgefühlen, die mich dabei heimsuchen. Seine eigenen Kugeln, allerdings nur die schlechten (und das sind ne ganze Menge), kommentiert er auch. Er macht sich und seine Partner pausenlos und für alle hörbar runter. Wahrscheinlich soll es Understatement sein, egal, es ist so peinlich. Ich schäme mich in einer Tour für Vorfälle, die ich nicht zu verantworten habe. Komischerweise hindert ihn aber sein schlechtes Spiel, an das er sich doch wegen der tausend Selbstkommentierungen eigentlich erinnern müsste, nicht daran z.B. mich für nicht so toll gespielte Kugeln öffentlich zu rügen. Ein paarmal kann man das um des lieben Friedens willen runterschlucken. Aber irgendwann ist es dann soweit und man sagt: "Moment. Ich habe von 8 Kugeln eine verlegt und du hast bei deinen letzten zehn Schüssen nur Löcher produziert. Sollen wir das jetzt wirklich diskutieren?" Genau in diesem Moment kann der Gegner sich die Hände reiben, weil das Spiel gelaufen ist. Ab einem gewissen technischen Niveau wird Boule im Kopf entschieden. Wer sich besser konzentrieren kann gewinnt. Und ich kann mich aufgrund meiner Wut nicht mehr gescheit konzentrieren, wenn einer andauernd daneben schießt, von mir dann aber verlangt, daß ich meine Kugel auf den Millimeter genau plaziere, um eine Niederlage noch abzuwenden. Problematisch ist, daß er hohes Ansehen im Club und also Narrenfreiheit genießt. Keiner außer mir traut sich, ihn zu bremsen. Das führt beispielsweise zu der verrückten Situation, daß er immer als Schießer eingesetzt wird, obwohl er das gar nicht kann. In der Summe verleiden mir seine Gebahren die Boulelust ganz grundlegend. Wenn ich zufällig mit ihm in einer Mannschaft spielen musste, habe ich bei meiner Heimkehr die Kugeln in die Ecke gefeuert und eine Woche lang nicht angerührt. Jetzt ist es so, daß von morgen auf übermorgen hier in der Nähe der „24 Stunden Bose-Cup“ ausgespielt wird. Ein Einladungsturnier für 48 handverlesene Mannschaften aus ganz Europa. Ich weiß nicht, wie hoch das Bestechungsgeld für die Turnierausrichter war, aber irgendwie hat der Club dafür ne Wildcard ergattert. Als der Sportwart mich anrief habe ich selbstverständlich euphorisch zugesagt. Natürlich erfahre ich nun, daß dieser Spacko mit von der Partie ist, obwohl sich viel bessere Spieler danach die Finger geleckt hätten. Ich muß also 24 Stunden lang nicht nur sein unsägliches Spielvermögen erdulden, sondern auch seine gesammelten Eskapaden.

Ich würde mich lieber an einen Marterpfahl in der Fußgängerzone binden lassen und alle dürften mit ihren spitzgefeilten Regenschirmtentakeln auf mich einstechen.

der Dude - Ritter der Schwafelrunde

10.11.06 13:06

bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Indra (10.11.06 14:50)
Men armer Jung, hier ein paar Tips:
Zu den Regenschirmen in der Fußgängerzone empfehle nächstes mal selbst einen Schirm dabei zu haben, am besten einen von den riesigen Dingern,wo man zu zweit drunter passt. So kommst du auch mal in den Genuss zu pieken ;-).
Tja , und für das Boulewochenende würde ich dir zu einer hohen Dosis Johanniskrauttabletten raten. Falls das nicht hilft: shot him down, ich besorge dann einen cleaner.
Gruß, the one


Dude / Website (10.11.06 15:03)
schade dass du es nicht mitansehen kannst, wie ich da irgendwann das rumpelstilzchen gebe. johanniskraut? hahaha, da bräuchte es schon eine klinikpackung prozac. und wegen der regenschirm-terroristen: du bist einer von denen! zwar aus fürsorge, damit ich nicht nass werde. aber ich glaube dass das eine ganz perfide strategie dieser regenschirm-loge ist, die sich gegen mich verschworen hat. die haben mein soziales umfeld infiltriert, damit meine ausweichmanöver nix bringen. ;-)


(11.11.06 19:31)
alles quatsch! ich rate zur taucherbrille. Erstmal hat man bei Regenwetter zumindest die Augenpartie schonmal im Trockenen. Zweitens schuetzt das Plastik vor Regenschirmpieksern und DRITTENS hat man ein dermassen eingeschraenktes Sichtfeld, dass man die ganzen Regenschirme nur teilweise sieht und nicht chamaeleonartig aufgrund moeglicher regenschirmspitzen die augen zu allen seiten verdreht.
Fuer den kopf noch einen fahrradhelm und fuer den Koerper eine Ritterruestung mit schulterpolstern- fertig. Tja. so einfach kann das leben sein. Dude, ich verstehe deine sorgen nicht


lisa / Website (11.11.06 19:33)
achja, das grade war ich

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