Samstag nackt - Sonntag Venedig

Den gestrigen Samstagabend habe ich in der Sauna verbracht. Die Wirkung ist mal wieder unglaublich: der Raucherhusten klingt heute ganz anders; irgendwie gesünder. Meine Schwester hatte mir einen Gutschein für die Saunalandschaft „Ishara“ geschenkt. Die befindet sich in der Stadt, welche es Gerüchten zufolge gar nicht geben soll. Ich bin extra spät hingefahren, damit das Ende meiner vierstündigen Aufenthaltserlaubnis mit dem Ende der Öffnungszeit (23 Uhr) zusammfällt. Plan: dann sind keine Kinder mehr da, weil die müssten ja eigentlich schon längst im Bett liegen, und auch keine Kicherteenies, weil die müssen Samstags ja auf Partys flirten und knutschen und schlussmachen und lästern und sich mit unlustigen Sprüchen ins Spiel bringen und so. Das war ein Irrtum. Die Kinder gingen noch. Die haben sich meist nur die Nasen an den verglasten Saunatüren plattgedrückt und dabei die halbseitig gelähmte Rocky-Adrian-Grimasse gezogen. Die Teenies haben das, was sie sonst so samstags machen, auch gemacht, nur halt eben in der Sauna. Schon bei meinem Fußbad zum Einstieg malträtierte ein debiler Teenboy meine etwa 19-jährige Sitznachbarin derart penetrant mit anzüglichen Möchtegernwitzen, daß ich ihm, wenn ich eine Frau gewesen wäre, angeboten hätte, ihm einen runterzuholen, nur damit die eigenen Entspannungsabsichten nicht weiter durchkreuzt werden. Beim 20 Uhr-Aufguß in der Blockhaussauna geriet ich in eine 20-köpfige Gruppe, Marke: Jugendhaus Blankenhagen macht nen Ausflug. Frauenfeindliches Phrasengedresche, Gegröhle, Gespanne; selbst die Aufgußtussi wurde nicht ausgespart; die Jungs natürlich alle in Badeboxershorts und ohne Handtuch drunter. Saunazeit halbiert und ins Dampfbad geflüchtet. Danach in den Ruhebereich, dick in Decken eingemummelt und im Halbschlaf Schacheröffnungen studiert; bis zwei Frauen Mitte 20 dort anfingen über ihre Partner herzuziehen. Ich dachte: „Warum machen die das nicht im Kino wie sonst auch immer?“ Beim nächsten Aufguß dieselbe Scheiße. Strategiewechsel: Immer in die Sauna gehen, wo grad kein Aufguß ist. Gute Idee: da war ich dann zweimal allein, einmal zusammen mit zwei anderen schweigenden Saunaprofis.


Im Anschluß zu Burger King. Der Heißhunger nach einem Saunagang ist wirklich unglaublich. Dort hatte ich das Glück von meinem Lieblingscutie bedient zu werden. Ich geh da höchstens einmal alle drei Monate und zu unterschiedlichen Zeiten hin, aber immer hat sie grad Schicht. Sie ist keine Megaschönheit, hat aber ein ansprechendes Wesen. Ich weiß nicht wieso, aber ich habe den Eindruck, daß sie mich sehr entgegenkommend behandelt. Gestern hat sie sich förmlich drum gerissen, mich zu bedienen. Eine andere Bedienung hatte mir schon lautstark signalisiert, dass sie sich gleich um mich kümmern werde. Frau Cutie hatte aber wohl andere Pläne, jedenfalls bearbeite sie ihre aktuelle Bestellung im Laufschritt und vom Gemüt her bestenfalls pragmatisch, um dann etwas außer Atem aber sympathisch lächelnd mir zu Diensten sein zu können. In der Urzeit hätten wir es einfach direkt auf dem Tresen getrieben. In der Jetztzeit hangelt man sich dann durch die Reihe komplizierter Sympathierituale. Sie fragt unterwürfigst, ob es auch das Menü sein dürfe, und ich, obwohl ich das gar nicht will, tue ihr den Gefallen; Mayo oder Ketchup lehne ich betont dankend aber ab, weil ich die Pommes ja sowieso nicht essen werden; ich gebe ihr 10,70 Euro, sie gibt 11 Euro ein, ich weise sie auf den Fehler hin, „oh, das ist aber nett“, sie macht den Burgermechanikern Beine und bringt mir die Tüte zu meinem Wartetisch anstatt mich wie üblich zur Theke zu zitieren, „danke schön“, „ich hab doch mal vorsichtshalber Mayonaise und Ketchup reingepackt“ *grien*; sowas eben. Nett.


Im Bett und mit vollgefressenem, verhärtetem Bauch dann ein wenig Boxen geschaut. Bis zu dem Punkt, wo der Trainer seinem Schützling in der Pause zwischen den Runden sagte: „Schlag ihm auf die Leber. Immer auf die Leber schlagen.“


Morgens dann dieses TagnachderSauna-Gefühl: völlig entspannt, leicht wie eine Feder, aber auch ohne rechten Antrieb; deshalb erstmal ein bißchen zappen und dann aufstehen. Ging zwei Minuten gut, danach hatten mich die Rechtschreibfehler im NTV-Durchlauftext so zur Weißglut gebracht, daß ich die Lust am Fernsehen verlor. Beim Kaffee unten dann in der ZEIT geblättert und merkwürdigerweise beim Teil „Reisen“ hängengeblieben; den lese ich nie. Der Leitartikel handelte von Venedig; eine Stadt in die mich nichts zieht. Die vielen Amis, die Tauben, die peinlichen Touriaktionen, das kommt einem bestimmt im Gegensatz zu der Architektur noch viel schlimmer vor. Deshalb ist der Journalist da auch im Winter hingefahren, wo es selbst im milden Venedig unangenehm nasskalt werden kann. „Die besondere Atmosphäre dieser Stadt steigt ganz unsentimental erst aus dem kalten Marmor auf. (...) Wer an einem Wintertag wie diesem den beinahe leeren Dogenpalast besucht, wird es sehen. (...) In der winterlichen Leere meint man den Takt jenes gewesenen Lebens noch zu spüren. (...) Man sieht es plötzlich überall in seiner Normalität. Auf dem Campo Santa Margherita werden die beiden Platanen beschnitten und dabei laut diskutierend alte, klapprige Leitern hin- und hergeschoben. Ein Fischhändler bietet auf seinem zweirädrigen Karren Krebse und Gamberetti aus der Lagune an, Pulpo und Spada. Es gibt eine Tabaccheria auf dem Platz, die auch Kinderspielzeug, Parfüm und die Lose der diversen Lotterien verkauft. Und es gibt Bänke, bequem geschwungene Holzbänke, auf denen die alten Frauen sitzen und ihren Enkeln zusehen. (...) Und es wundert einen nicht, dass alle, die eben noch in Gruppen beieinanderstanden und angeregt redeten, ihre kleinen weißen Hunde an schlappen Leinen geduldig neben sich, mit einem Mal verschwunden sind, als es Zeit ist für das Mittagessen.


Ob nackt oder in Venedig, alles geht nur noch zu unattraktiven Zeiten. Vielleicht mache ich, wenn die Schneekanonen eingesommert wurden, mal eine Radtour zum Kahlen Asten; ich stell mir auch ne Reise nach Connecticut ganz schön vor, wenn nicht grad Indian Summer ist; vielleicht gefällt es mir am Matterhorn bei Nebel besonders gut; oder überhaupt irgendwo, wo grad nichts los ist.


der Dude – Ritter der Schwafelrunde

21.1.07 13:48

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


11g / Website (21.1.07 16:49)
Matterhorn bei Nebel? Könnte kompliziert werden...

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen