Talkin´ ´bout my generation - Volume Two

Alte Menschen, die mir sympathisch sind, kann man an einer Hand abzählen. Das Alter begegnet mir in der Regel in seiner peinlichen, infantilen, verbohrten, besserwisserischen, unsensiblen, egoistischen und an Unverfrorenheit nicht zu überbietenden Form. Normalerweise würde ich sowas für mich behalten. Zum einen aus Respekt vor der Lebensleistung: wer im Krieg oder kurz danach geboren ist, dem gestehe ich ein paar charakterliche Skurrilitäten und auch das Gequatsche über „die Jugend von heute“ zu. Zum anderen natürlich aus Mitleid gegenüber Leuten, die nicht mehr so handeln und denken können, wie sie wollen. Ich neide ihnen auch nicht die fetten Renten. Die würde ich selbst ja auch nicht zurücküberweisen, nur weil die Generation nach mir schlechtere Karten hat (auch wenn ich deren Blatt selbst mitgesteckt habe, als ich politisch noch zurechnungsfähig war). Das alles und noch viel mehr ließe ich unerwähnt, wenn nicht genügend Anlaß zu der Annahme bestünde, daß diese meine Nachsicht mit Füßen getreten wird. Meine Erfahrungen sehen nämlich so aus, daß sich die Mehrheit der Greisinnen und Greise sozial wie die Wildsäue benehmen, gleichzeitig aber eine immer perfidere Politik gegen alle Unterfünfzigjährigen betreiben. Diese bewußt gesuchte Form der Entsolidarisierung muß geächtet werden. Und ich will meinen Beitrag dazu leisten. Nicht daß meine Kinder und Enkel mir später vorwerfen, ich hätte nichts unternommen gegen die offensichtlichen Anfänge der durch die Geronto-Diktatur herbeigeführten sozialen Verkommenheit unseres Gemeinwesens.

Meine erste Lektion in der Sache „wie benimmt man sich in öffentlichen Verkehrsmitteln“ bestand darin, daß meine Oma mir einbläute, erst die Menschen aus Bus und Bahn aussteigen zu lassen, bevor ich mich selbst anschicke, das jeweilige Gefährt zu betreten. Lektion 2: Wenn ältere und/oder gebrechliche Menschen einsteigen, wird denen der Platz angeboten. Diese Regeln befolge ich heute instinktiv: ich stelle mich automatisch seitlich an und ich springe für ein Mitglied der erwähnten Zielgruppe auf, noch bevor ich in medias res gehen kann, ob es nicht aus Faulheitsgründen besser wäre sitzenzubleiben. Das ist ein Paradebeispiel für Habituation (also die zur unreflektierten Gewohnheit gewordene Erfahrung): wie Pawlows Köter beim Ertönen der Glocke angefangen sind zu sabbern, so verfalle ich in Rücksichtsaffekte, sobald irgendein Tata mein Blickfeld kreuzt. Und ich muß feststellen, daß in Berlin selbst die Jugendlichen, die einem bei der Bitte, ihren MP3-Player leiser zu machen, ohne Worte sofort auf die Fresse schlagen würden, dieselben Reiz-Reaktions-Schemata zu beobachten sind. Demgegenüber steht die Armada an Altmenschen, die einem nicht nur durch mittiges Warten vor den Türen den Ausgang versperrt; nein, sie zwängen sich brutal mit ihren Schirmen, Ledertaschen und fetten Körpern in die Gruppe der Aussteigewilligen hinein. Schon mehrfach habe ich erlebt, was passiert, wenn diese ÖPNV-Terroristen von rücksichtgeübten Unterfünfzigern übervorsichtig auf ihre asozialen Taten aufmerksam gemacht werden. Da wird mit einer Frechheit zurückgeblafft, die einem jedesmal wieder Erschrockenheitslacher entlockt. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, aber ich will lieber auf die von dieser Horde betriebene Contra-Underage-Politik eingehen.

Ihr ideologischer Ideenlieferant ist Haug von Kuenheim. Der ehemalige Leiter des Ressorts „Modernes Leben“ bei der ZEIT, hat sich nach seiner Pensionierung dort ein Publikationsfleckchen freigepresst. In der Kolumne „Ein Rentner sieht rot“ wirbt er für die Weisheit der Alten und schmäht jegliche Praxis, die auf Handlungen von Nicht-Rentnern beruht. Als Beispiel seiner Verfehmungen wähle ich bewußt ein harmlos-skurriles, damit ich mich nicht zu sehr aufregen muß: seinen Artikel “Esst gefälligst auf!“. Darin erinnert er eingangs an die Hungerjahre seiner Generation und spricht im Anschluß über seine dadurch induzierte Aversion gegen jegliche Form der Nahrungsmittelverschwendung. Psychologisch kann ich das absolut nachvollziehen, und auch ich finde es nicht gut, wenn – eine Handlungsalternative vorausgesetzt – Essen weggeschmissen wird. Es gibt doch diese Berechnungen, daß ein paar Atomkraftwerke abgeschaltet werden könnten, wenn alle den Fernseher nachts ausmachen würden, anstatt ihn auf Stand-By laufen zu lassen. Vielleicht ist es ein wenig naiv, aber ich glaube, daß wenn nur soviel Fleisch gekauft würde, wie man wirklich isst (also nicht mehr kaufen und dann den Rest wegschmeißen), daß dann ein paar Schweine weniger geschlachtet werden müßten. Jegliche politische Bewußtseinsbildung in diese Richtung hat meine volle Unterstützung. Haug von Kuenheim vertritt nun in seinem Artikel die Auffassung, daß seine Nachfolgegenerationen auf die subversive Idee gekommen sind, Nahrungsmittel systematisch zu verschwenden. Er schreibt: „Und heute? Da packen sich erwachsene Menschen den Teller randvoll, um dann, weil die Augen größer waren als der Magen, den Rest in den Mülleimer zu kippen. Oder: Sie schieben im Restaurant den Heilbutt von sich, den sie nach langer Suche auf der Speisekarte bestellt haben, weil sie doch lieber Matjes gehabt hätten. Oder es ist ihnen die Portion Spaghetti zu groß, die ihnen der Kellner vorlegt, obwohl sie von vornherein um eine kleinere Portion hätten bitten können, wo sie doch wussten, dass ihr Appetit nur ein kleiner ist.“ Die geschilderten Verhaltensformen sind in der Tat bescheuert, aber: die Attitüde, den Teller immer vollzuknallen, egal wieviel Hunger man hat, das kommt nicht von uns, Haug, das ist eine Folge Eurer Erziehung. Es ist habituiert; die Leute können nicht anders, weil ihr, die den Hunger erlebt habt, kaum etwas lustvolleres kennt als einen Teller, bei dem, wenn man die Gabel an der einen Seite reinsteckt, an der anderen Seite was runterfällt. Und as habt Ihr der nachwachsenden Generation (meinen Eltern zum Beispiel) systematisch eingetrichtert. Du bist selbst das beste Beispiel dafür. Anstatt nämlich Deinen Enkeln erstmal wenig aufzuscheppen, um im Fall größeren Hungers nachzureichen, ist es für Dich ein Beweis der schlechten Kinderstube, die Deine Kinder Deinen Enkeln haben angedeihen lassen, daß diese den von Dir bestückten Teller nicht leeressen. Haugs Résumé fällt dann auch dementsprechend aus: „Halten Sie mich getrost für altmodisch, für spießig, für nicht mehr auf der Höhe der Zeit befindlich, die neuesten pädagogischen Erkenntnisse ignorierend, was Kinderernährung betrifft. Ernst August, keineswegs übergewichtig, muss, jedenfalls bei seinen Großeltern, den Teller leer essen. Bisher kam er trotzdem immer gern zu uns.“ Also, lieber Haug, ich halte Dich für altmodisch, spießig, nicht mehr auf der Höhe der Zeit befindlich, du ignorierst moderne pädagogische Erkenntnisse und Dein Enkel kommt, wie Du sehr richtig schreibst nur TROTZ Deiner mittelalterlichen Gebaren zu Dir. Ohne Dein Zusatztaschengeld würde er wahrscheinlich lieber in den Ferien die Wagen der Nachbarschaft waschen und deren Rasen mähen, anstatt sich unentgeltlich Deinen Nervungen auszusetzen; womöglich noch zu ertragen, wie Du knorpelknirschend Deinen Kottlett-Knochen abnagst.

Ich bin fest davon überzeugt, daß wenn sich die Alten irgendwann politisch solidarisieren, unser Gemeinwesen auf seine bisher härteste Probe gestellt wird. Ich sehe politische Verhältnisse, in denen ihr politsches Organ (Die Grauen) SED-mäßige Wahlergebnisse erzielt. Deshalb schlage ich jetzt schon - vor dem verpaßten Augenblick - Anträge auf die Feststellung ihrer Verfassungsfeindlichkeit vor.

der Dude – Ritter der Schwafelrunde

19.10.06 14:33

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