teacher killed the video star

Im IMDB-Board zum Film „Network“ (1976) hinterließ jemand den Kommentar: „Most boring movie I´ve ever seen. I hated it. I had to watch it in school.“ Darauf fielen in sehr erwartbarer Art und Weise die Fans des besagten Films über ihn her. Variationen von sowas: „Sorry your teacher bored you so much. How CRUEL! This sadistic individual had the AUDACITY to try and expose you and your largely brain-dead classmates to an acknowledged classic that has been admired by FAR more intelligent people than you for over 30 years. He/she was probably trying in vain to stimulate an intelligent discussion about the power of mass-media, multinational corporations, and the history associated with each. How DARE a teacher attempt such ridiculous feats! There is a slim chance that you will graduate from public school some day, grow up, gain a little more insight, and give this film another chance.“ Das kann ich voll unterschreiben. Allerdings nur, wenn man den ganzen Zynismus rausstreicht (der mich doch ziemlich an den einiger meiner Lehrer erinnert). Z.B. ist der Hinweis auf die „geringe Chance“ im letzten Satz richtig. Nur nicht in dem Sinne, weil der vom Film gelangweilte Typ zu dämlich ist, sondern weil es wirklich sehr unwahrscheinlich ist, dass man Dinge, zu deren Konsum man gezwungen wurde, irgendwann doch noch wertschätzen lernt. Es ist nicht ausgeschlossen; aber doch eher TROTZ anstatt AUFGRUND der schulischen Beschäftigung damit. Die dem Lehrer unterstellte Absicht, den Film als Einstieg in einen kritischen Mediendiskurs zu nutzen, in allen Ehren; spannender jedenfalls als ein langweiliger Vortrag oder Sachtext. Die Hoffnung aber, dass die Schüler ihr Herz an diesen verordneten Unterrichtsgegenstand verlieren, ist eine pädagogische Träumerei sondergleichen. Und die kann sich schnell zur Wahnvorstellung steigern und in dem Zynismus enden, den manche Lehrer und der „Network“-Fan oben einsetzen, um anderen Menschen das Leben zur Hölle zu machen. Sowenig man nämlich gezwungen werden kann, eine Person zu lieben, sowenig scheint es mir einleuchtend, Begeisterung zu erwarten, wenn in einer Zwangsanstalt Texte/Filme gelesen/angeschaut werden. Die aknn sich nur unter den anarchischen Bedingungen der Freiwilligkeit entwickeln. Allein der HINWEIS meines damaligen Englischlehrers (Riesenarschloch vor dem Herrn) auf die geniale Kamerafahrt am Anfang von Welles´ „Touch of Evil“ (1958) hat dazu geführt, dass ich diesen Film bisher gemieden habe, wie der Teufel das Weihwasser, obwohl an dem Streifen für einen Filmfan eigentlich kein Weg vorbei führt. Von den zwangsgelesenen Texten ganz zu schweigen. Es gibt ein Essay von Hans Magnus Enzensberger mit dem Titel „Bescheidener Vorschlag zum Schutze der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie“, den ich am liebsten der versammelten Schar meiner Ex-Lehrer unters Kopfkissen legen möchte. Er beginnt mit einem zähen Rumpsteak. Die Metzgerstochter hatte die Interpretation eines Enzensberger-Gedichts versiebt. Es geht weiter mit schriftlich an ihn gewandten Hilferufen von Schülern bzgl. der Deutung seiner Zeilen (Klausurkopien samt Lehrerurteil anbei), um sich dann auf die Frage zu konzentrieren, wie man eigentlich harmlose Texte/Filme zu wirkungsvollen Folterinstrumenten umfunktionieren kann. Ich nehme die Antwort vorweg: Indem man sie in die Aktentasche eines Lehrers steckt! „Der Lehrkörper, der in diesen Zeugnissen in Erscheinung tritt, ist keineswegs homogen; seine Methoden reichen von der subtilen Einschüchterung bis zur offenen Brutalität, seine Motivationen von reinstem Wohlwollen bis zum schieren Sadismus. All dieser Nuancen ungeachtet, macht jener Lehrkörper doch im ganzen den Eindruck einer kriminellen Vereinigung, die sich mit unsittlichen Handlungen an Abhängigen und Minderjährigen vergeht, wobei es gelegentlich zu Fällen von offensichtlicher Kindesmißhandlung kommen kann. Als Tatwaffe dient jedesmal ein Gegenstand, dessen an und für sich harmlose Natur ich bereits dargelegt habe: das Gedicht. Wie aber kann aus einem so fragilen Objekt ein gemeingefährliches Angriffswerkzeug werden? Dazu sind besondere Vorkehrungen nötig. Wer von uns ist sich schon der Tatsache bewußt, daß er mit seinen Handkanten, diesen unscheinbaren und kaum benutzbaren Außenseiten, Mord und Totschlag begehen könnte? Dazu bedarf es allerdings einer ausgebildeten Technik. Sie heißt Karate, und an jeder dritten Straßenecke gibt es in Deutschland eine Schule, wo man sie erlernen kann. Die analoge Fertigkeit, die es erlaubt, aus einem Gedicht eine Keule zu machen, nennt man Interpretation. An dieser Wahnvorstellung der Interpretation wird mit unbegreiflicher Hartnäckigkeit festgehalten, obwohl ihre logische Inkonsistenz und ihre empirische Unhaltbarkeit auf der Hand liegen. Wenn zehn Leute einen literarischen Text lesen, kommt es zu zehn verschiedenen Lektüren. Das weiß doch jeder. In den Akt des Lesens gehen zahllose Faktoren ein, die vollkommen unkontrollierbar sind: die soziale und psychische Geschichte des Lesers, seine Erwartungen und Interessen, seine augenblickliche Verfassung, die Situation, in der er liest - Faktoren, die nicht nur absolut legitim und daher ernst zu nehmen, sondern die überhaupt die Voraussetzung dafür sind, daß so etwas wie Lektüre zustande kommen kann. Das Resultat ist mithin durch den Text nicht determiniert und nicht determinierbar. Der Leser hat in diesem Sinn immer recht, und es kann ihm niemand die Freiheit nehmen, von einem Text Gebrauch zu machen, der ihm paßt. Zu dieser Freiheit gehört es, hin- und herzublättern, ganze Passagen zu überspringen, Sätze gegen den Strich zu lesen, sie mißzuverstehen, sie umzumodeln, sie fortzuspinnen und auszuschmücken mit allen möglichen Assoziationen, Schlüsse aus dem Text zu ziehen, von denen der Text nichts weiß, sich über ihn zu ärgern, sich über ihn zu freuen, ihn zu vergessen, ihn zu plagiieren und das Buch, worin er steht, zu einem beliebigen Zeitpunkt in die Ecke zu werfen. Die Lektüre ist ein anarchischer Akt. Die Interpretation, besonders die einzige richtige, ist dazu da, diesen Akt zu vereiteln.“ (Enzensberger, Hans Magnus: Bescheidener Vorschlag zum Schutze der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie (1976). In: Ders. Mittelmaß und Wahn. Frankfurt a.M. 1988., S. 23 ff.)


Eine neue Schulkultur oder ein Kulturverbot für Lehrer; das scheinen mir die Alternativen zu sein, wenn man die Hoffnung auf persönliche Effekte der Texte/Filme nicht begraben will.


der Dude – Ritter der Schwafelrunde

29.1.08 08:44

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Ludwig (26.2.08 12:39)
In aller Schärfe und Deutlichkeit leitet Roland Barthes die Unmöglichkeit einer objektiven Interpretation eines Textes her. Er geht sogar soweit vom Tod des Autors zu sprechen. Warum habe ich bei manchen Lehrern problemlos gute Interpretationen geschrieben und bei anderen Defizite gesammelt?
Die Antwort ist an den Univeristäten zu suchen wo man in Literaturwissenschaften mit Mitstudenten auf RTL II-Nivau die Seminare besucht. Eine weitere Antwort ist sicherlich auch die schlichte Faulheit mancher Lehrer andere Ansätze nachzuvollziehen.
Der kulturelle Kollateralschaden einer solchen Engstirnigkeit ist unabsehbar...
Ludwig


Dude (27.2.08 19:44)
Ich warte auf den Roman, der die scheiternde Interpretation eines (nie geschriebenen) Romans ist; wo die Handlung nur in Zitaten und Paraphrasen auftaucht und der Interpret, der ja der Autor ist, an der Interpretation seines eigenen Werkes scheitert! Das wäre der "Tod des Autors", nämlich desjenigen Autors, dem man permanent unterstellt, er konstruiere unterhalb des Geschriebenen eine eigentlich gemeinte Sinndimension. Wäre mir jedenfalls lieber, "der Autor" würde sich auf diese Weise selbst richten, anstatt dass er an einen Baum gebunden wird und die Ameiseninterpreten tun sich an ihm gütlich.

Bzgl. der geringen Ansprüche einiger Studenten an die Entwicklung ihres Verstandes kann ich Dir nur zustimmen.

Was die Faulheit einiger Lehrer angeht, sich mal rudimentär mit den Entwicklungen innerhalb ihres Faches vertraut zu machen, ebenso; als auch mit der Unflexibilität gegenüber alternativen Perspektiven (z.B. Perspektiven, die nicht in ihrer Klett-Lektürehilfe stehen).

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