Der Sand als Wille und Vorstellung

Bin in Berlin in „Spiderman 3“ gewesen. Diesmal keine nennenswerten Störungen trotz Sonntagnachmittag-Kindervorstellung. Es war zu schönes Wetter, die Blagen waren alle am Wannsee, sich mit Zerkarien-Dermatitis infizieren. Der Film ging. Gestört haben mich die teilweise zu hektischen Verfolgungsjagden. Da wußte man nicht mehr, wer da jetzt wen gehauen hat. Außerdem war Kirsten Dunst eine penetrante Dauernervung. Nix mehr mit „Schnapp sie dir, Tiger“, sie will nur noch Beziehungsgespräche führen, die alte Bremse. Außerdem hat sie nicht einmal ein enges Oberteil an, was ihren Zicken-Auftritt noch überflüssiger macht.

Völlig fasziniert hingegen war ich von diesem „Sandman“. Ein Typ ist auf der Flucht vor den Bullen und „rettet“ sich auf ein umzäuntes Testgelände (hab mal ein Bild gesehen, das hieß: Ertrinkendes Mädchen rettet sich ins Feuer; aber das nur am Rande). Dort gerät er in eine Demolekularisierungsanlage: eine etwa 5 Meter tiefe Betonschale mit Sand auf dem Boden und stabförmigen Strahlendingern oben drübber. Er wird dann nicht so richtig demolekularisiert (also einfach aufgelöst), sondern die Molekülstruktur seines Körpers verschmilzt mit der Molekülstruktur von dem Sand. Dann kommt die für mich beste Szene des Films: seine Auferstehung aus dem Sandhaufen. Zunächst zeichnet sich nur sein Rücken ab, dann versucht er sich zu erheben, die Figur nimmt langsam menschliche Züge an. Aber es klappt noch nicht so richtig: die Beine rieseln ihm weg, er will ein Amulett aufheben, kann aber seine Sandhand nicht genug verhärten usw. Nachdem er ein bißchen geübt hat, geht das dann aber doch, bis er letztlich wieder so aussieht wie vor der Strahlenaktion, obwohl er ja nun aus nichts besteht als aus Sand. (Ganz so wie die Mahavishnu-Orchestra-Metapher: Von der „inner mounting flame“ zur „birds of fire“ ). Jedenfalls ist er jetzt ein Wesen, dessen physikalische Körperlichkeit nicht von evolutionär entstandenen Zellstrukturen zusammengehalten wird, sondern nur von seinem Willen.

Das hat mir zu einer wichtigen Einsicht in puncto Schach verholfen. In meinen Büchern steht, dass eine Stellung, die über wesentlich weniger Material verfügt als die des Gegners, durchaus gewinnen kann, wenn sie nur gut koordiniert ist. Also wenn die Figuren besser zusammenspielen. Man muss nur wie der „Sandman“ versuchen, nicht die einzelnen Figuren (Sandkörner) zu sehen, sondern die Ganzheit des weißen oder schwarzen Schachkörpers. Dieser Stellungskörper beruht wie beim „Sandman“ einzig auf dem Willen des Spielers. Für einen guten Schachspieler ist das keine Neuigkeit, aber für einen wie mich, der bisher nur auf die Drohungen, Bedrohungen und Deckungen einzelner Figuren geglotzt hat ... Problematisch scheint mir nur das Spiel des Gegners zu sein, denn die Formgebung der eigenen Stellung wird ja von ihm ziemlich beträchtlich beschränkt. Entweder sind das dann die naturgesetzlichen Grenzen, an die sich der „Sandman“ ja auch halten muß, oder man muß die gesamte Stellung (schwarz und weiß ) ebenfalls ganzheitlich betrachten. Für diese esoterische Sichtweise gibt es Anhaltspunkte in der sechsten Sopranos-Staffel:


Tony ist im Krankenhaus, nachdem sein Onkel ihn angeschossen hat. Er ist auf dem Weg der Besserung und verbringt den Abend mit ein paar seiner Jungs und dem Raketenwissenschaftler John auf dem Zimmer eines Rapstars. Sie schauen sich einen Boxkampf an:


Paulie (sieht wie der eine Boxer übel einstecken muß ): It's a life of abuse.


John: Well, he´s a boxer.


Paulie: It's the same for everybody. (Und dann zu Tony ) Look at you, T. You do your uncle a kindness, you get shot for your efforts. You think you got family, but in the end, they fuck you, too. (...) I tell ya, we, each and every one of us are alone in the ring, fighting for our lives. Just like that poor prick. (Zeigt auf den Boxer)


John: Well, that's one way to look at it.


Paulie: You got a better one?


John: Don't get me started. It's complicated ...


Paulie: Think I'm stupid?


John: Well, it ... It's actually an illusion those two boxers are separate entities.


Paulie: What the fuck?


John: The separate entities; it´s simply the way we choose to perceive them. It's... it's physics. The boxers, you, me... we're all part of the same quantum field. Think of the two boxers as ocean waves or currents of air. Two tornadoes, say. They appear to be two things, right? Two separate things? But they're not. The tornadoes are just wind, the wind stirred up in different directions. The fact is, nothing is separate.


Auf Schach bezogen hieße das, man müsste nicht nur zusehen, der eigenen Stellung einen kraftvollen Körper zu verleihen. Sondern man müßte mittels dieser Kraft die Formgebung der komplexen Stellung anstreben: die eigene und gegenerische Stellung als zwei Teile einer ganzheitlichen Physis begreifen, die es zu den eigenen Gunsten zu formieren gilt. Bei den richtig guten Spielern scheint das in der Tat so abzulaufen. Jedenfalls haben in einer Kasparov-Doku seine Assistenten verlauten lassen, dass er im Gegensatz zu Amateuren „rückwärts“ denkt. Er stellt sich eine zukünftige, für ihn günstige Gesamtstellung aus und fragt sich dann, wie er spielen muß, um dem Gegner gar keine andere Möglichkeit zu lassen, als dahin zu ziehen, wo er ihn hinhaben will.


Ich glaub der Putin ahnt nicht, daß er sich schon in so einem Ablauf befindet. Er kann ihn nicht einfach vor den Augen der Welt der demonstrieren lassen. Setzt er ihn fest, dann wird’s PR-mäßig aber noch schlimmer. Gegen einen Märtyrer hat man wahlkampfmäßig überhaupt keine Chance mehr. Vielleicht war Anna Politkovskaja nur ein notwendiges Bauernopfer, um Angriffslinien zu öffnen.


der Dude – Ritter der Schwafelrunde

22.5.07 09:35

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


brecht (22.5.07 19:09)
war just gestern in spiderman 3 und darf zum einen sagen: überhaupt keine störungen! niffel und ich hatten den kinosaal für uns allein. zum anderen muss ich sagen: die szene von sandmans auferstehung hätte mich beinah veranlasst, vorzeitig den film zu verlassen - aber dann wäre ja nur noch eine person im kino gewesen und die hätte dann angefangen, zu rauchen.
hollywood schmeißt mit mottke: da greift der unfertige kerl nach dem amulett und kann es nicht fassen, weil er keine finger hat. er formiert sich neu und versucht es wieder und...es klappt! und er wispert den namen seiner tochter...und nachdem er sich vom wasserschwall hat umlatzen lassen, das gleiche nochmal. da krieg ich hals, von so viel schmalz. komischerweise hat der strandburggleiche herr niffel auch total gut gefallen. ihr herren und euer weiches herz für harte kerle mit nem brötchen im kopf.
ich bin mir sicher, dass die folgende aussage gegen mich verwendet wird, um es mir mit gleicher münze heimzuzahlen, aber: ich steh auf tobey maguire. als guter wie böser spidey sowie als peter parker in schwarzem anzug mit emo-frisur und john-travolta-gehweg-einlage hat er sich direkt in das brötchen in meinem kopf und weitere bodyparts gespielt.


Dude / Website (23.5.07 07:59)
hi brecht. klar war die szene (und nicht nur die) heroisch-schmalzig. das ist doch der sinn einer solchen veranstaltung. sonst dürfte man sich ja auch nicht an "300" ergötzen, weil man dessen faschistoide schwarzweiss-malereien missbilligt. mit tobey maguire muss ich dir recht geben. schauspielerisch und auch optisch war diese coolness-passage das beste in der bisherigen trilogie (ausnahme: der clubdance war ein bißchen zuviel des guten). ich muß allerdings nochmals drauf hinweisen, dass ich die esoterische ausdeutung der auferstehungsszene ironisch verstanden wissen wollte. ich halte jegliche halbwegs tiefgehende interpretation von brötchenfilmen für totalen unfug. entweder es macht schön bummbumm oder nicht. deshalb hat mich die redselige kirsten auch so genervt. was soll das in einem action-porno? haben die das da reingeschrieben, damit die maguire-groupies im publikum denken: "ey tobey, scheiß auf die alte. nimm mich!"?

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