Yoda, Quasimodo und die Frau mit den Froschkönigsocken

Für die folgenden Zeilen bitte ich MadActor unterwürfigst um Verzeihung. Er hatte mich nach Köln eingeladen, um einer Aufführung der „Arturo-Schauspielschule“ beiwohnen zu können. Der Ort gefiel mir gut: Industriehinterhof-Romantik. Zu unserer Begrüßung oder einfach wegen des herrlichen Wetters lagen, standen und saßen attraktive Schauspielschülerinnen in der Gegend rum. Ich kann nicht sagen, woran es lag, wurde aber den zweiminütigen Eindruck nicht los, daß sie alle komplizierte Zicken waren. MadActor danach gefragt und Bestätigung erhalten. Um 18 Uhr mußte er rein zum Proben, um 20 Uhr ging´s los. Zwei Stunden also, um schachübend bei Sonnenschein und günstigem Kölsch nebenbei das Treiben dort zu beobachten. Innen, über dem Ausgangsportal des selbstverwalteten Bistros prangte der Spruch: „Liebe die Kunst in Dir, nicht dich in der Kunst.“ Nach meiner ersten Begegnung in diesem Bistro hätte ich den gern übermalt mit: „Affiges Rumflippen macht aus dir noch keinen Kinski!“ Es gibt da Leute, die können sich nichtmal ein Mars und ein Milkyway kaufen ohne sich dabei peinlich zu gebärden und sehnsuchtsvoll auf Reaktionen des Publikums (in dem Fall ich) zu warten. Vielleicht ist sogar der Spruch an dieser übertriebenen und unangebrachten Künstlichkeit schuld. Wenn die Kunst in einem ist, dann ist sie immer da, wohingegen das künstliche Ich auch mal Pause hat, wenn grad keine Kunst ist.

Zu der Aufführung selbst muß ich sagen, daß ich ganz falsche Erwartungen hatte. Ich wußte zwar, daß es sich um eine Improvisation handelt, bin aber davon ausgegangen, daß es doch so eine Art Theaterstück wird. In Wirklichkeit war das eher so eine Art öffentliche Lockerungsübung. Nach dem einleitenden Klangschalen-Biiiiiiiiing gings mit Ooooooohhhhhhhmm und Rumgewälze auf dem Boden weiter; instrumentiert durch diesen Hare-Krishna-auf-und-zumach-Leierkasten. Und zwar so dermaßen lange, daß ich förmlich genötigt wurde meinen Blick auf den Po des vor mir knienden Froschkönigsocken-Cuties zu richten; in den ersten zwanzig Minuten war das das Interessanteste. Dann fing irgendwer an, andauernd „Oh“ zu sagen; in zahlreichen Betonungsvarianten. Nach ein paar Minuten erwiderte jemand das mit dem Teletubbi-„o ohhh“: Lachsalven!

Erst nach etwa einer halben Stunde kam ein wenig Struktur in die Angelegenheit. Die Schauspielschüler sollten nämlich jeder einen Song vorbereiten, der für sie autobiographisch bedeutsam ist und dann die mit diesem Song verbundene Gefühlslage improvisatorisch zur Darstellung bringen. Diese Selbstdarstellungen waren zwar teilweise sehr expressiv, aber es waren eben SELBSTdarstellungen und kamen mir, der mit Schauspiel, also mit der Verkörperung von Nicht-Ichs, gerechnet hatte, sehr merkwürdig vor. MadActor machte den Anfang mit einem souveränen Vortrag eines italienischen Liedes. Meines Erachtens die beste, weil inhaltlich schlüssigste Darbietung des Abends. Der Text des Liedes handelte von Heimat und Heimatlosigkeit, und das Tape, auf dem der Song drauf ist, ist in MadActors Leben ein Sinnbild für dieses Heimatproblem. Sowas find ich gut, weil ich das nachvollziehen kann. Die andern haben ihn auch machen lassen. Andere Soloparts wurden in der Folge nämlich häufig durch körperliche Einmischungen und sprachliche Einwürfe der dümmeren Art von den Mitakteuren gestört. Es gab aber auch Lichtblicke. Einer hatte sich den Byrds-Song „Turn Turn Turn“ ausgesucht, und eine Kollegin hat denjenigen welchen bei dem Vortrag dann windmühlenmäßig herumgewirbelt.

Nervig war dann ein Angebertyp. Aufgesetzte Coolness hatte seinen Körper gewichtherbermäßig verformt. Seine Eltern sind mit ihm durch die Weltgeschichte gereist. Das hat er dann lautstark und prahlerisch zum besten gegeben. Wie offenbar im Kollegenkreis schon oftmals zuvor. Seine Frage „Wißt ihr eigentlich, wie oft ich schon in tödlichen Situationen war?“ wurde jedenfalls mit einem gelangweilten Unisono-“JA!“ der anderen beantwortet.

Die allerschlimmste Szene – ich war drauf und dran rauszugehen – war schon gegen Ende: Anstatt seinen vorbereiteten Song aufzuführen erzählt einer der Schauspielschüler davon, dass er einen der Mitakteure gestern beleidigt und sich noch nicht dafür entschuldigt habe und daß außerdem seine Freundin nicht zur Aufführung gekommen sei. Er bekommt einen Heulkrampf, wird von den anderen angeschrien sich auf den Boden zu legen, was er, weiter Rotz und Wasser heulend, auch tut; währenddessen macht woanders wer Faxen, die Lehrer und Schauspieler lachen. Ich hasse die jetzt, weil ich keine leidenden Menschen sehen kann und Leute nicht verstehe, die Lachen können, wenn es jemandem im Bereich ihrer Aufmerksamkeit schlecht geht. Und es ging ihm schlecht. Es war ja nichts Gespieltes, keine Schauspielerei. Madactor berichtete mir später, daß die Lehrer vom Trösten abraten, weil nicht ausgeschlossen werden könne, daß der Heulende grad genau diese Stimmung haben will. Für meine Person kann ich das ausschließen. Mich darf man trösten, dann geht’s mir schneller wieder gut; ich bin nämlich nicht gern traurig und schon gar nicht freiwillig.

Was mir sowohl draußen als auch während der Vorführung auffiel, ist, daß viele der Beteiligten enormen Wert darauf legen, von ihren Mitmenschen als abgefahren bzw. verrückt wahrgenommen zu werden. Ein Schauspielschüler hat sich sogar zu der Peinlichkeit hinreißen lassen, das expressis verbis auf die Bühne zu bringen. Wahrscheinlich für den Fall, daß es einem nicht sofort selbst auffällt: „Als Kind war ich total abgedreht. Jetzt bin ich noch abgedrehter.“ Ich glaube genau das ist das Kinski-Mißverständnis. Der ist ausgerastet, wenn ihn einer verrückt genannt hat und hat ständig betont, daß er sich für einen Normalo und alle anderen für totale Idioten hält. Die  Rechnung "Ich bin so abgedreht ich muß also ein genialischer Schauspieler sein", die geht nicht auf.

Nach der Aufführung hatte ich dann noch das zweifelhafte Vergnügen einen Schauspiellehrer aus der Nähe zu erleben. Der redete Künstlertypen-Deutsch in Reinform: „Ich mach ja viel mit Bildern, geh am Anfang immer mit Bildern rein, aber jetzt ist es so toll, jetzt ist ne Beziehung da und die Bilder sind weg.“ Ähhh, dein Vater er ist? Ich mußte jedenfalls sofort an die Stelle bei „George Lucas in Love“ denken, wo George Lucas seinen Professor (die personale Vorlage für Yoda) fragt: „Excuse me, Sir, could you speak ... forward?“ Und auch an den Richard Kimble-Jäger in „Auf der Flucht“: „Ab sofort benutzt in meiner Gegenwart niemand Wörter die keiner versteht.“

Auch was man so an Gesprächen unter den Schauspielschülern mitbekam war alles andere als „normal“. Normalität heißt dort: entweder depressiv oder manisch wirken zu WOLLEN; nicht zu SEIN. Auf jeden Fall kamen mir alle Regungen dort sehr künstlich und aufgesetzt vor. Vielleicht täusche ich mich aber auch, die sind wirklich krank und lassen sich das Ausleben dieser Störungen 500 Euro Schulgeld im Monat kosten; woanders wäre das so uneingeschränkt kaum möglich.

Wie gesagt, die Merkwürdigkeiten in der Aufführung hatte ich alle mir und meinen falschen Erwartungen zuzuschreiben. Deshalb will ich unbedingt nochmal hin, wenn da Schauspielerei stattfindet. Dann wird’s auch einfacher für mich; ich bin dann ja schon auf den Bilder-Yoda, die Milkyway-Käufer und den kosmopolitischen Glöckner von Notre Dame eingestellt. Ganz zu schweigen von der Frau mit den Froschkönigsocken, die wäre auch ohne jedwede Schauspielerei eine Reise nach Köln wert.


der Dude – Ritter der Schwafelrunde

30.3.07 12:38

bisher 6 Kommentar(e)     TrackBack-URL


MadActor / Website (31.3.07 09:39)
*gg* Ja, da siehst Du mal, was ich durchmache. Übrigens hat es mich gefreut, dass Du da warst. Richtige Schauspielerei gibt's voraussichtlich am 16. Mai. Da ist der besagte Theatertag, an dem von allen Semestern aufgeführt wird. (u.a. auch ich mit einem Dialog).

Grüße

MadActor


Dude / Website (1.4.07 14:25)
Hi MadActor. Bin beruhigt, dass Du´s mir nicht krumm genommen hast. Habe die größte Hochachtung vor Deiner darstellerischen Leistung und verstehe kaum, wie Du es hinkriegst, unter diesen Umständen zurechnungsfähig zu bleiben. Der 16.Mai ist vorgemerkt. Dürfte vielleicht auch der Chevalier mitkommen? Der hat sich auf meinen Eintrag hin interessiert gezeigt. Gruß, Dude.


Studi (3.4.07 03:24)
Achtung hessische Studis: Wichtig - Mitmachen!

www.verfassungsklage-bildung.de


Dude / Website (3.4.07 07:31)
Achtung hessische Studis: SICH NICHT UNEBELIEBT MACHEN!!!


MadActor / Website (3.4.07 17:31)
Hey, was für ein angehender Schauspieler wäre ich denn, wenn ich vorher mein Publikum aussorieren würde? Dann könnte ich Film- und Kinoproduktionen in Zukunft ja völlig ausschließen. Mensch. Sicher ist Chevalier auch mit eingeladen. Freue mich schon drauf. Das wird verdammt gut - prophezeie ichjetzt mal. Die hessischen Studis sind auch eingeladen (jedoch nur weiblichen Geschlechts und nach vorhergier Anmeldung mit aktuellem Foto und genauen Körpermaß-Angaben).

MadActor


Antonia / Website (6.5.07 13:07)
Hört sich ja furchtbar an. Ich mag son gekünsteltes Schauspielern nicht.

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen