Ich bin eine billige Promischlampe

Als Ergänzung zu diesem Eintrag, hier nun das Résumé. Einen besseren Start in das Turnier hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Mein Nervpartner hatte eine so üble Migräneattacke, daß er nur das Nötigste gesprochen hat. Zweitens (ich hatte mir langweilige Sachen zu Trinken mitgenommen und 8 Euro) ist ihm seine unangetastete „10 Euro Durchstreich-Trinkkarte“ aus der Jackentasche gefallen und lag vor seinem Stuhl. Bei seiner nächsten Abwesenheit das Teil an mich genommen und dann: Groovy Baby, Kapitalismus! Erst mal mit mir selbst und Ricard auf meinen überraschenden Reichtum angestoßen. Von dem wirklich prominent besetzten Starterfeld (Mannschaften aus Schweden, Niederlande, Frankreich, Belgien, Schweiz) einmal abgesehen, war es ein ganz normales Boule-Hallenturnier:

Durch den unvermeidlichen Staub fühlt sich die Nase nach einer Stunde so an, als hätte man einen Eimer Scheuersand gesnieft. Die Hallenheizung fällt obligatorisch vor Einbruch der Dunkelheit aus (diesmal durch Regen in die die zuständige Stromversorgungseinheit). Das Aufwärmen im „Gastronomie-Bereich“ macht nicht wirklich Spaß, weil nur da geraucht werden darf. Obwohl aber die Mehrzahl der Boulespieler Kettenraucher sind, kann der von ihnen produzierte Nebel des Grauens den Furzgeruch mikrowellenerwärmter Fertigfrikadellen nicht überdecken. Vielleicht weil er Unterstützung bekommt aus der Herren-Toilette, deren Zugangstür sich direkt neben dem Tresen befindet. Dort gibt es natürlich keine Urinale, Mann steht Schlange vor den (Murphys Gesetz) jedesmal von AA-machendenden Leuten blockierten zwei (!) Abschließtoiletten und kann es nicht abwarten, endlich wieder den Beißgeruch des Rauchs oder den Hallenstaub einatmen zu dürfen.

Aber diesmal hat sich die Klowarterei sogar mal gelohnt. Sascha von Pless (Nationalspieler) hat sich doch tatsächlich mit mir, einem Unwürdigen, unterhalten. Dann gesellt sich auch noch Dominique Tsuroupa dazu, den ich flüchtig aus Berlin kenne und der mich komischerweise wiedererkennt. Zusammen mit ein paar präzis angebrachten Sprüchen meinerseits (richtige Mischung aus zynischem Witz und Anmaßung; als Schleimer hat man keine Chance) hat mir das doch tatsächlich Zugang zu deren VIP-Lounge verschafft. Man stelle sich einen Raum vor, in dem 100 Leute dichtgedrängt rumstehen, weil es nur 50 Stühle gibt. Am Ende dieses Raumes befinden sich äußerst bequeme Ledercouchen, auf jeder liegt quer (!) ein deutscher Boule-Superstar mit den Füßen auf der Sitzfläche; zwei Sofas sind sogar unbesetzt. Das Bouleproletariat käme aber niemals auf die Idee, sich dort hinzupflanzen. Im Schlepptau der Avantgarde konnte ich da nun auch den Römer geben. Es ist unglaublich, wie sich hier im Kleinen das wiederholt, was man bzgl. der Showbusiness-Celebrities immer vermutet: hier gibt es (neben bequemen Sitzmöbeln) schöne Frauen, einen iPod mit Boxen aus denen wirklich gute Musik ertönt, Chips auf dem Tisch, Drogen, die Aschenbecher werden alle fünf Minuten geleert, interessante Gesprächsthemen (kein Gelaber über Boule) usw. Die Atmosphäre ist locker, und so komme ich in den Genuß neben Laura Makowski zu sitzen (die Nicolette Krebitz des Boulesports; „Selig“ haben diesen Song für sie geschrieben). Es hatte den Anschein, als sei sie mit Sascha von Pless zusammen. Noch so eine Showbiz-Parallele, diese Brangelina-Partnerschaften. Egal, sie hat sogar mit mir gesprochen und über einen Witz von mir herzlich gelacht. Eigentlich war es kein Witz, sondern ein Spruch über die ausgebeuteten Angeblichpromis von DsdS; aber sie hat sich den Schuh wohl nicht angezogen. Den habe ich allerdings nur gemacht, um über eine an diesem Abend gewonnene Selbsterkenntnis hinwegzutäuschen: Ich bin eine Promischlampe. Ich bin die Jenny Elvers der deutschen Bouleszene. Hab mich dann auch wieder schnell vom Acker gemacht. Man sieht ja an der Lauterbach-Geschichte, daß das zu nichts führt. Irgendwann holen einen die eigenen Absichten ein, und dann bewegen sich die Grüppchen der LargerThanLife-Menschen so synchron von einem weg, wie Pina Bausch es nicht besser choreographieren könnte.

Irgendwann fing natürlich der Schlafentzug an, seinen Tribut einzufordern. Ich hatte Wahrnehmungsstörungen. In der Halle lief leise Musik (Radio Gütersloh), und andauernd hatte ich den Eindruck Lieder zu hören, mit denen ich mich in den kurzen Pausen mit meinem iPod von eben dieser Radio Gütersloh-Katastrophe hatte erholen wollen. Arctic Monkeys und anderes Pusher-Zeug, das nicht zu der nötigen ruhigen Spielhaltung passte, ohne die man aufgeschmissen ist. Das ließ sich nicht abstellen und so mußte aus der Not eine Tugend gemacht werden. In der nächsten Pause habe ich mir fünfmal hintereinander von Neil Young den „Theme for Dead Man“ angehört. Ein Instrumentalstück für den gleichnamigen Jim Jarmusch-Streifen. Eines von den wenigen Stücken, das mich als ohrwurmiger Lebenssoundtrack nicht würde wahnsinnig werden lassen. Mitten in dem Song ist eine Sprecheinlage von Johnny Depp. Ich werde im Fall eines Lottogewinns die angedachte Penisverlängerung einer Stimmband-Operation nachordnen. Ich sage Euch Leute, das kommt, das ist der noch nicht angegrabene Stollen einer plastisch-chirurgischen Goldgrube. Wenn selbst mich als unterdrückt chauvinistischem Megahetero bei dieser Stimme die spontane Lust befällt, mich mit dem Wesen dieser Stimme zu vereinigen. Auf eine metaphysische Weise versteht sich. So gottmäßig. Gegen den 24 Stunden-Schlauch habe ich dann natürlich die falschen Mittel ergriffen. 1) Furzfrikadelle gegessen. Der Hunger treibt´s rein. 2) Im Rauchraum geraucht. Die Sucht treibt´s rein. 3) Zuviel Kaffee getrunken. Die Müdigkeit war stärker als die Einsicht, daß das zusammen mit den anderen Verfehlungen auf den Magen schlagen wird. Auf der Rückfahrt war mir schlecht und ich hätte den Fahrer gern gebeten anzuhalten, damit ich am Straßenrand zum Islam konvertieren kann. Ich wurde aber durch spontane Existenzängste davon abgehalten weil er damit beschäftigt war, dem Beifahrer die Sicherheitstechnik seines neuen Mercedes vorzuführen. „Hier oben ist ne unfallsichere Gegensprechanlage. Wenn das Auto über einen gewissen Grad hinaus deformiert wird, dann schickt es ne Nachricht an die nächste Rettungszentrale. Die melden sich dann über dieses Teil. Und wenn ich nicht in 30 Sekunden Antwort gebe, dann wird ein Hubschrauber losgeschickt. Die wissen per GPS, wo sich das Auto befindet. Und das hier ist ein ...“ Von den zweifellos äußerst praktischen Sicherheitsvorkehrungen des Fahrzeugs hätten wir fast profitieren können, weil er das alles gestisch so enthusiastisch anpries, daß wir mehrmals nur haarscharf nicht bei Tempo 180 in den Gegenverkehr gerast sind. Da wünscht man sich andauernd so unnützes Zeug wie Liebe und Geld, muß aber in so einer Situation einsehen, daß die wahre Glückseligkeit darin besteht, überhaupt am Leben zu sein und zu Hause in Ruhe kotzen zu können.

Vom Ergebnis her war´s ganz o.k. Dritter Platz im C-Turnier, was Platz 27 von 48 Mannschaften entspricht. Da hätte vor allem finanziell mehr dringelegen. Im letzten Spiel versemmle ich einen unnötigen Schuss bei Spielstand 11:1 für uns (bei 13 ist Schluß ). Punkt zwölf lag schon, meine Kugel war die Letzte. Ich hätte locker reinlegen können, weil der Gegner alle Kugeln zu lang gespielt hatte und vorne der Weg also frei war. Aber nein, ich will das Spiel spektakulär mit einem „Schuß für Schluß“ beenden, schieße daneben, treffe die Zielkugel und ziehe sie nach hinten zu den Gegnerkugeln. Fünf Punkte abgegeben. In der nächsten Aufnahme haben wir dann alles klargemacht, 13:6, aber es waren natürlich genau diese 5 Punkte, die uns zum Einzug ins C-Finale gefehlt haben. Das hätte 120 Euro schnöden Mammons bedeutet. So gab es gar nichts, weil auch auf Bouleturnieren die „soziale Marktwirtschaft“ bei der Verteilung des Reichtums am Werk ist.

der Dude – Ritter der Schwafelrunde

13.11.06 12:16

bisher 9 Kommentar(e)     TrackBack-URL


henzenmann (13.11.06 14:13)
Hatte am Wochenende auf der B64 nen SLK-Fahrer vor mir, der hat andauernd seine festliche Fahrzeuginnenbeleuchtung eingeschaltet und dann mit irgendwas rumgespielt. Das führte dazu das er die ganze Zeit Schlangenlinien gefahren ist, mit zuweilen derben Schlenkern in Richtung Strassengraben/Gegenverkehr. Nach ungefähr 15 Kilometern ist ihm das Spielchen dann doch zu blöd geworden, er hat die Beleuchtung runtergefahren und ist mit gefühlten 140 Sachen weggezogen.


der Chevalier / Website (13.11.06 21:18)
Hallo dude!
Bei der Schilderung der WC-Verhältnisse musste ich unweigerlich an "das Boot" denken.
Aber ein dritter Platz ist doch aller Ehren wert! Das ist mehr als man erwarten durfte, wenn man Deinen Ausführungen über diesen Robert Steinhäuser der Bouleszene Glauben schenken darf.
Gruß vom Chevalier!


Jason / Website (15.11.06 12:34)
Hi Dude!

Köstlich-geniale Klowarte-Geschichte.
Dein blog ist übrigens phantastisch. Got addicted to it! Mit Deiner Erlaubnis möchte ich mich in die lange Reihe Deiner Fan-Leserschaft einreihen...

cheers,
Jason

P.S. Danke für Deinen comment neulich!


MadActor / Website (15.11.06 17:11)
Hey, erstmal einen herzlichen Glückwunsch. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube zu wissen, wer dieser Boulepartner war. Und falls es DER war, von dem ich es denke, hast du mein absolutes Beileid. Nichtsdestotrotz ein gutes Ergebnis.

Gruß

MadActor


Inspector (29.11.06 09:34)
Hey Dude,

es scheint nicht nur so,- sie ist die Freundin von Sascha. Sollte der Boule-Adelige auf die Idee kommen sich auch den Text von Selig durchzulesen, dann wird er "sehr Ärger sein". Könnte sein, dass er sich am Schreibtisch gleich wieder die rechte Flunke bricht, wie er dies dereinst intelligenterweise auch unmittelbar vor der WM eifersüchtelnd auf dem Hotelzimmer der Nationalmannschaft (aus nichtigem Anlaß) tat. Da kannste dann nur hoffen, dass er nicht weiß "wo dein Haus wohnt". Run Baby, run!


(3.12.06 17:36)



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(19.12.16 17:16)
Du trauriger, armer Mensch, aber solche wie dich, gibt es leider wie Sand am Meer :-)

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