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Zwei Vanillehimmel - ein Feiertag im Herbst und meine Hobbythek-geile Mutter

Hatte grad ein Erlebnis der dritten Art. Ich mußte nach draußen, Geld abheben. Zwar akklimatisiere ich mich durch das Pendeln zwischen Berlin und der hiesigen Kleinstadt recht schnell daran, daß hier auf den Straßen weniger los ist - es bei meinen Rückkünften immer den Anschein hat, als hätte in der Zwischenzeit die Hälfte der Bevölkerung hier das Zeitliche gesegnet. Aber vorhin, da war echt sowas von überhaupt nichts los, wirklich! - kein Fußgänger, kein Auto, NICHTS!, und ich bin quer durch die Stadt gefahren. Ich dachte, ´das gibt´s doch gar nicht´ und ´was ist denn hier los? Ist die Stadt gesperrt und du bist der Einzige, der davon nichts weiß, weil er bis gestern in Berlin war?´ Hinzu kam das Bild der durch die ersten Herbststürme vollkommen verlaubten Straßen. Alles wirkte ausgestorben, morbide tschernobylmäßig. Ich mußte sofort an den Film "Vanilla Sky" denken. Den fand ich eigentlich nicht so toll (weder das Original noch das Remake), aber eine Szene im Remake hat mich unheimlich beeindruckt. Da steht Tom Cruise auf dem Times Square und ist vollkommen allein und er rennt dann rum in dieser gespenstischen Kulisse. Als ich daran gedacht habe, gefiel mir das und ich bin noch ein wenig durch die Stadt gegurkt und habe die Totenstimmung genossen. Auf dem Weg ist mir dann eingefallen, daß heute hier Feiertag ist. Und dann auch noch um 11 Uhr spätvormittags, wo alles entweder hinter dem Herd steht, aufs Essen wartet oder den Rausch von der Feiertagsvorabendbarty ausschläft. Ich werde wahrscheinlich heute nachmittag mit dicker Jacke und Mütze bewehrt die Einsamkeit zu Fuß aufsuchen. Obwohl heute Mittwoch also Bouletag ist, dürfte das wegen des Wetters wahrscheinlich flachfallen (elende Schönwetterspieler die andern); die freiwerdende Zeit wird dann mit einem Herbstspaziergang vergeudet.
Grad fällt mir ein, daß ich schonmal was Ähnliches erlebt hab. Es war nach der letzten Nacht in einem Feriencamp in Südfrankreich, wo ich damals mitgefahren bin. Weil es die letzte Nacht war, durften wir draußen schlafen. Alle haben also ihre Schlafsäcke nach draußen geschafft. Es gab eine lange Reihe mit kopfankopf-gelegten Schlafsäcken und einen Schlafsackstern am Ende. Die Nacht war lau und sternenklar, man unterhielt sich und nach und nach dösten wir weg. Als ich morgens aufgewacht bin, war ich einzig und allein auf der großen Wiese. Nur ich und mein Schlafsack, sonst nichts. Ich bin dann ziemlich konsterniert zu den Zelten geschlichen, wo alle selig schliefen. War das eine konzertierte Aktion gegen mich? Oder habe ich im Schlaf irgendwas gemacht, das so schlimm war, um 50 Leute in die Zelte zu treiben? Erstmal ins Küchenzelt gegangen, Kaffee gekocht. Als nach und nach die Erwachten dort eintrudelten wurde mir klar was passiert war. Um es kurz zu machen: Meine Mutter war an allem Schuld. Präziser gesagt ihr damaliger Hobbythek-Creme-selbst-anrühr-Fetisch. Die hatte sie mir mitgegeben und ich habe sie aus Mitleid benutzt. Ich muß sie nochmal nach den Ingredientien fragen, weil da muß irgendein Teufelssubstrat drin gewesen sein, das jegliches Flügelvieh spontan in die Flucht schlägt (Auszüge aus dem Urin von Jean Pütz wahrscheinlich). Alle Anderen waren nämlich derart zerstochen, daß sie aussahen wie Kinder des Elefantenmenschen.

der Dude - Ritter der Schwafelrunde

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2 Kommentare 1.11.06 11:52, kommentieren

Gastblogger

Wie bereits angekündigt habe ich vor, in absehbarer Zukunft hier Texte von Gastbloggern einzustellen. Mich fasziniert die stilistische Vielfalt anderer Blogs: von parolenhaften Denkanstößen über lakonische Beschreibungen des verrückten Alltags bis hin zu halben Entwicklungsromanen ist alles aufzufinden. In dieser Absicht habe ich einige Bloggerinnen und Blogger angeschrieben, und - zu meinem großen Erstaunen - haben sich sogar einige bereits zurückgemeldet. Es sieht also so aus, als würde der stilistischen Auflockerung dieser Seite nichts mehr im Wege stehen. Wenn´s soweit ist, werde ich die einzelnen Autorinnen und Autoren kurz ankündigen (mit einem Verweis auf ihren Blog versteht sich). Wer ebenfalls Lust hat, sich an dieser Aktion zu beteiligen, kann sich bei mir per PM melden (Bloglink nicht vergessen). Ich würd mich freuen.
der Dude - Ritter der Schwafelrunde

2.11.06 08:20, kommentieren

Das große Fressen - in memoriam "Grunzi"

Der Tag ging gut los. Meine Eltern sind gestern abend aus einem einwöchigen Urlaub im Hochschwarzwald zurückgekehrt. Sie hatten auch einen Abstecher ins Elsaß gemacht und dort den Kofferraum ihres Kombis mit feinem Speis und Trank gefüllt. Für mich waren unter anderem Madeleines dabei. Kein Vergleich zu dem eingeschweißten Müll, den man hier - als französische Spezialität verballhornt - im Supermarkt findet. Allein der Duft dieses Gebäcks. Der hat ja bekanntlich in Marcel Proust seine gesamte Kindheit gedächtnismäßig wiedererscheinen lassen und ihn zur Niederschrift seines Opus Magnums "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" inspiriert. Zudem, allerdings nicht für´s Frühstück gedacht, zählte eine Flasche Crémant zu den Mitbringseln. Ist ne elsässische Form von Champagner. Dann noch mehrere Sorten Cidre und eine Halbjahresration Rillettes de Canard.
Gestern abend hätte ich jedoch keine dieser Köstlichkeiten anrühren mögen. Und schon wieder war es die Schuld meiner Mutter. Die hatte mir nämlich auch eine wenig apettitanregende Geschichte aus dem Urlaub mitgebracht. Einen Teil der Zeit hatten sie bei einem befreundeten Ehepaar verbracht, das eine Gastwirtschaft betreibt. Einmal im Jahr gibt es bei ihnen das "Grunzi-Fest". Der Mann füttert übers Jahr ein Schwein fett. Es hat einen großen Auslauf und einen schönen Unterstand mit stets frischem Stroh, aus dem es sich Liegekuhlen bauen kann. Die Kinder aus der Nachbarschaft zähmen das Schwein täglich mit neuen Leckereien (Salat, Melonen ...) und kraulen es hinter den Ohren, wobei es wonnig gurrt und sich den Händen willig entgegenstreckt. Dann wird es geschlachtet und im Frühjahr gibt´s ein neues Schwein. Abgesehen von dem fehlenden sozialen Kontakt zu Artgenossen kann ich mir schlimmere Schweineleben vorstellen. Ich, als auf einem Rost stehendes Schwein, das ewig dieselbe Brühe aus dem Trog sabbert, würde auf jeden Fall mit Grunzi tauschen wollen. Live fast, die young. Die eigentliche Geschichte, die meine Mutter mir erzählt hat, spielt aber nach dem Schlachten. Meine Mutter hatte der befreundeten Wirtshausbetreiberin nämlich angeboten, ihr zu helfen. So ein Grunzifest ist ne elende Plackerei. Das Angebot kam der Frau gelegen, und sie bat meine Mutter, ihr beim Reinigen des Schlachtraums behilflich zu sein. Sie hat dann zwei Eimerchen und zwei Läppchen eingepackt und die beiden Frauen zogen los. Meine Mutter dachte sich: "Bei so wenig Putzzeug kann das ja nicht allzu schlimm werden." Mit dieser Annahme lag sie aber daneben. Denn: der Boden des Schlachtraums war 5cm hoch mit einer körnigen Mischung aus Fett und Leberwurstbrocken bedeckt, was zu einigen unfreiwilligen Ganzkörperbodenkontakten führte. Die Wände waren bis fast zur Decke mit schon gelierendem Blut besudelt. Man mußte ordentlich schrubben, um das abzukriegen. Dann mußten noch die technischen Gerätschaften wie Fleischwolf und Messer gereinigt werden. Und über allem schwebte ein Ödem aus Blut und Fett und tiefgekühltem Tod. Der Mann von der Frau sollte eigentlich mithelfen, hatte aber schon derart oft mit Obstler auf die Sau angestoßen, daß er nicht mehr sprechen konnte. Obwohl meine Mutter harten Alkohol verabscheut, hat sie ihn um diesen Genuß beneidet. Sie meinte, dieses ewige durch nichts zu unterdrückende Würgen bei der Arbeit kann man eigentlich nur volltrunken ertragen. Den Dörflern ist das natürlich alles total vertraut. Die können nur lachen über städterisches Mitleid für ein Tier. Die haben Grunzis Eigenarten schon zwei Tage nach ihrem tödlichen Namenstag wieder vergessen. Das finde ich nicht korrekt. Wenn man mit einem Tier ne Menge Scheine macht, dann ist es nur recht und billig, wenn man auch seine Individualität unterstreicht. Im Namen ihrer Fresser möchte ich das jetzt nachholen: Rest in peace, Grunzi. Warst ne coole Sau. Ich kenn Dich nur aus Erzählungen, aber doch so gut um zu wissen, daß es sich gelohnt hätte.

der Dude - Ritter der Schwafelrunde

3 Kommentare 2.11.06 13:22, kommentieren

Tyler, warst du das?

Wie der "Spiegel" und andere Medien melden, sind bisher 1000 nagelneue Geldscheine zerbröselt, als Bankkunden sie in die Hand genommen haben. Ein Herstellungsfehler scheint ausgeschlossen. Chemiker vermuten, daß die Scheine mit einem Sulfatsalz gepudert wurden, welches sich in Verbindung mit der Feuchtigkeit des Handschweißes zu Schwefelsäure entwickelt und die Scheine in nullkommanichts zerfallen läßt. Besser die nächsten Tage mit Karte zahlen, Freunde.
der Dude - Ritter der Schwafelrunde

6 Kommentare 2.11.06 13:43, kommentieren

and as things fell apart

nobody paid much attention

Talking Heads

 

2.11.06 21:30, kommentieren

again got the blues

Ich bin ein elender Romantiker. Das ist nicht gut, weil das führt früher oder später zwangsläufig in die Depression. Heute ziehen die Kraniche, und ich bin wie immer fasziniert. Könnte ihnen ohne Unterlaß zusehen. Von Nordskandinavien bis Südeuropa/Nordafrika. Mann mann mann. Heute windet´s ziemlich, und die Formationen werden oft auseinandergerissen. Teilweise kreisen einige Verbände minutenlang, einzelne Vögel dieser versprengten Einheit schließen sich bestehenden Verbänden an. Dann werden auch, ehe man sich versieht, aus dem großen chaotischen Haufen wieder zwei perfekte Einsen, die mit Flügelgleichschlag Tempo machen und schließlich aufschließen zu den von Böen verschonten Gruppen. Ich muß dabei kreationistische Mutmaßungen unterdrücken. Komm mal wieder klar, mann, das ist doch nur der Herbstblues – den kennst du doch schon.

Der Dude – Ritter der Schwafelrunde

 

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3.11.06 10:18, kommentieren

tell me your name

tell me your story

´cause I´m into it

running through life, like a misfit

Elefant

 

 

3 Kommentare 3.11.06 10:30, kommentieren

Kälte und Konventionen

"den bessren Zustand denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann." Es ist kalt und ich möchte am liebsten nur mit meinem Monchichi-Kostüm nach draußen gehen.
der Dude - Ritter der Schwafelrunde
 
 
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4.11.06 15:09, kommentieren

Gastblogger - Volume One: Bianca

Ich freue mich an dieser Stelle Bianca als ersten Gast begrüßen zu dürfen. Sie ist noch ne ganz junge Bloggerin, aber wenn man ihre bisherigen Texte liest, dann weiß man: es ist eine Schande, daß sie damit nicht schon viel früher begonnen hat. Bei ihr zieht der Tag, wenn es hell wird „seine Turnschuhe an“ und verabschiedet sich trotz tragischer Ereignisse manchmal doch mit einem „tirili“. Thematisch ist trotz der erst wenigen Blogeinträge von ihr ein erhebliches Spektrum erkennbar: von der Wut, die sie befällt, wenn sie sieht, wie die Perspektivlosigkeit von Jugendlichen verwaltet wird, über tiefgehend Medienkritisches bis hin zu den existenziellen Fragen über Männer und Frauen. Das macht Lust auf mehr! Bitteschön:



weiblich, ledig, jung, sucht nicht


des dudes aufruf, als guestblogger meinen senf zu seiner fabulösen seite hinzuzurühren, folge ich gerne. um zu verhindern, dass ich ihm mit einem topic, über den er vielleicht selbst gerne noch berichten würde, zuvorkomme, habe ich ein thema gewählt, das außerhalb seines unmittelbaren persönlichen radius liegt:

eine skizze der erfahrungen, die man macht, wenn man weiblich, ende zwanzig und ledig ist.

an diesem status haftet der gestank einer schlimmen krankheit.

er ruft tiefe sorgenfalten auf den stirnen diverser familienmitglieder hervor, die ohne unterlass „nette junge männer“ aus dem dorf oder von der arbeit anpreisen und dabei ungewollt ihre vorstellungen von dem, was ich ansprechend finden könnte, preisgeben (die diskrepanzen zwischen den erwartungen, die hier offengelegt werden, sind vergleichbar mit dem ersten schluck kaffee, in den man irrtümlich salz anstatt zucker gerührt hat).

diejenigen, die den status selbst einnehmen, verstärken mehrheitlich (auch hier gibt es glücklicherweise ausnahmen von der regel) den geruch von tod und verderben. intelligente, gutaussehende frauen werden zu unsicheren kleinen mädchen, wenn sie sich über fehlende beziehungen angesichts des steigenden alters und des schwacher werdenden gewebes beschweren. sie stehen mit einem „bitte rette mich!“-tattoo auf der stirn in kneipen und verbiegen sich ohne mit der wimper zu zucken um 180°, um einem mann zu gefallen.

und auch diejenigen, die einen äußerlich gefestigten und mit ihrem leben zufriedenen eindruck machen, bekommen einen glasigen blick, wenn sie das baby einer freundin im arm halten.

ich muss feststellen, dass ich mich zunehmend allein auf weiter flur wiederfinde. ich habe nicht vor, zu heiraten. ich möchte keine kinder – auch wenn man landläufig der meinung ist, wenn frau biologisch dafür vorgesehen ist, müsse sie diese skills auch umsetzen. ich habe nichts gegen eine beziehung, bin aber in immer geringerem maße bereit, dafür kompromisse einzugehen.

und so fühle ich mich mit meinem status als weiblich, ende zwanzig und ledig wenig kränklich. ich habe ein großes bett ganz für mich allein und einen schlaf, den niemand außer mir selbst stören kann. ich habe keine beziehungssorgen und kann meine abende und wochenenden verbringen, wie ich will. selbstredend gehen mir dabei die möglichen vorteile einer beziehung ab: geborgenheit, treue usw.

diese features der männlichen spezies lege ich jedoch nach einigen erfahrungen in der letzten zeit sowieso auf die goldwaage. um ein beispiel zu nennen: kürzlich lernte ich einen typen kennen, der mir (und dies ist ein wiederkehrendes verhaltensmuster) erst nach mehreren treffen beiläufig erzählte, dass er eine freundin habe – auf die frage, wieso man das nicht früher erfährt, höre ich dann häufig: hast ja nicht gefragt! der junge mann hatte dann was ganz besonderes parat: seine freundin und ihre tochter standen kurz davor, zu ihm zu ziehen. er wollte nun verbindlich von mir wissen, ob das mit uns was werden könnte. in dem fall würde er sich von seiner freundin trennen. nachdem ich ihm eine klare absage erteilt hatte, sind freundin und tochter zu ihm gezogen und teilen sich nun mit ihm wohnung und leben, ohne jemals etwas von der episode zu erfahren.

das mag ein krasses beispiel sein, aber es hat mich in der zufriedenheit mit meinem single-status bestärkt. sollte mann mich zeitnah vom gegenteil überzeugen, werde ich dies auf diesem blog kundtun – aber wartet nicht zu lange.

 

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13 Kommentare 4.11.06 15:48, kommentieren

no one´s heard a single word I´ve said

they don´t sound as good outside my head

Nine Inch Nails

 

 

1 Kommentar 5.11.06 14:09, kommentieren