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Mein unterentwickeltes Gehirn

Ich habe mir heute ein Computerspiel gekauft. Es ist mein zweites. Für meinen ersten PC (1996) habe ich mir mal „Men in Black“ gekauft, aber schnell die Lust verloren. Ich glaube, ich bin der schlechteste Computerspieler der Welt. Eigentlich wollte ich mir „Splinter Cell – Pandora Tomorrow“ zulegen (hatte ich bei Indras kleinem Bruder bestaunt), aber das gab es nirgendwo (MediaMarkt, Marktkauf, Karstadt). Aus Frust habe ich mir dann „Max Payne 2“ angeschafft (8 Euro). Aufgrund meiner totalen Unkenntnis bin ich von der Grafik und dem Sound dieses Uraltspiels vollkommen überwältigt. Die Mischung aus Film Noir und Comic ist wie für mich gemacht (von dem Regengeräusch im Hintergrund, zusammen mit der Benicio Del Torro-Synchronstimme des Protagonisten bekomme ich Gänsehaut). Aber das Spielen selbst ist eine totale Katastrophe. Mit der linken Hand steuert man über die Tastatur, wohin der Typ gehen soll, und mit der rechten Hand steuert man über die Maus den vertikalen Blickwinkel (von Frosch- bis Vogelperspektive) sowie die horizontale Blickrichtung. Schon bei dieser Steuerung des Blickfeldes habe ich große Probleme. Links-rechts-Blick geht noch, aber andauernd verändere ich aus Versehen die vertikale Perspektive und glotze z.B. aus 2cm Entfernung auf eine Wand. Mir wird nach 5 Minuten schwindelig und nach einer Viertelstunde schlecht. Was mir ebenfalls Schwierigkeiten macht, ist die Orientierung in den Gebäuden (Krankenhaus, Lagerhalle). Ich gehe von einem Raum in einen Flur und von da in einen anderen Raum, dann weiß ich schon nicht mehr, wie ich an den Ausgangspunkt zurückkehren könnte. Wenn ich aus irgendeinem Gebäude rauswill, komme ich mindestens zehnmal an dem Punkt vorbei, an dem ich losgegangen bin. Zudem habe ich kein Gespür dafür, welche Gegenstände aktive Funktionen besitzen und also nützlich sein könnten. Durch Zufall habe ich eine Tonne umgerannt, in der überlebenswichtige Painkiller drinwaren. Da wäre ich nie drauf gekommen. Ich könnte noch zig andere Beispiele nennen, die alle auf dieselbe Erkenntnis hinauslaufen: meine Computerintelligenz ist gleich Null. Oder, um es präziser auszudrücken: die Repräsentanzen der notwendigen kognitiven Schemata in meinem Gehirn sind schwach ausgeprägt. Womit wir beim Thema wären.


Bei verschiedenen Tieren sind die Sinnesorgane und Extremitäten unterschiedlich im Gehirn repräsentiert. Ein Tier, das ein hochentwickeltes Riechorgan besitzt und seinem Gehirn also zur Analyse der Umwelt viele Riechdaten eingibt, hat eine äquivalent ausgeprägte Repräsentanz der Nase im Gehirn. Es gibt lustige Zeichnungen, auf denen Tiere so dargestellt sind, daß die Proportionen ihrer Sinnesorgane und Extremitäten ihren jeweiligen Repräsentanzen im Gehirn entsprechen. Nichtmenschliche Primaten haben in der Regel dann riesige Hände, eine große Zunge, mittelgroße Augen und kleine Nasen (guter Tastsinn, guter Geschmackssinn, mittlere Sehstärke, unterdurchschnittlicher Geruchssinn). Beim Menschen führt die enorme neuronale Plastizität seines Gehirns dazu, dass durch Spezialisierung die Gehirnrepräsentanz aller Sinnesorgane nahezu beliebig gesteigert werden kann. Pianisten hätten auf den angesprochenen Zeichnungen sehr große Hände und Weinverkoster eine überdimensionale Zunge, Schnellsprecher einen großen Mund usw. Es gibt auf diesem Gebiet aber auch gesellschaftliche Phänomene. Beispielsweise hat man herausgefunden, daß die Entsprechung des Daumens im Gehirn mit der breiten Nutzung von SMS erheblich vergrößert worden ist. Über die Entsprechung der männlichen Haupthand seit Einführung des Internets liegen mir leider keine Daten vor.


Jedenfalls vermute ich, daß genau hier mein Max Payne-Problem begraben liegt. Beispielsweise habe ich anscheinend gar keine Repräsentanz für die Steuerung von Blickwinkel/-richtung durch meine Hand. Die Frage ist, wie lange es dauert, bis sich mein Gehirn an dieses kognitive Neuland akkomodiert hat. Ich habe keine Ahnung und weiß nicht, ob es sich lohnt, ob der in Aussicht stehende Spielspaß in einem angemessenen zeitlichen Verhältnis zum Aufwand steht. Ich entscheide das in den nächsten Tagen. Zu meiner heutigen Erbauung werde ich erstmal ein Angela Merkel-Bild mit riesigem Schwanz und ohne Herz zeichnen.

der dude

2 Kommentare 14.10.06 19:02, kommentieren

Wellenbrecher

Ich bin ja der letzte, der behaupten würde, irgendwas würde sich zum Positiven entwickeln. Ich glaube in der Tat, daß alles immer schlimmer wird. Umso schöner, wenn´s dann mal nicht stimmt. Wer wie ich feuchte Augen bekommt, wenn er an „Riff – Wellenbrecher auf WDR1“ denkt, dem kann 1LiveKunst aus seinem Entzug helfen. Täglich ab Viertel nach Drei laufen vier Stunden im Stream musikalische Neuentdeckungen zwischen wirklich interessanten Features aus den Bereichen Kunst, Film, Literatur usw. So ein Wellenbrecher war mal nötig bei 1Live. Selbst die damalige Schlagerrallye ist nicht so mit dem Strom geschwommen wie das heutige Tagesprogramm des WDR1-Nachfolgesenders. Eine der besten Bildungsoffensiven wäre es, wenn man 1Live zwingen könnte, das ins Funkprogramm zu übernehmen.

der dude

14.10.06 21:31, kommentieren

Zusatzseite "Oberflächlichkeiten"

Hab ne neue Zusatzseite angelegt, auf der ich meiner Oberflächlichkeit fröne. Da stehen dann Bilder und Beschreibungen von Gegenständen, die mir gefallen und bereits in meinem Besitz sind. Völlig zu Unrecht, finde ich, wird so getan, als sei Oberflächlichkeit etwas Negatives. Ich hingegen glaube, daß Oberflächlichkeit eine Tugend ist, die man kultivieren muß. Das funktioniert nicht nach dem binären Code: entweder ist man oberflächlich oder man ist es nicht. Ich finde man kann auf eine sehr tiefgehende Weise oberflächlich sein. Schaut mal rein.
der dude

15.10.06 11:30, kommentieren

Schneckentraum

Seit Jahren habe ich hinter einem Kurzfilm hergesucht, den ich im Kino gesehen hatte. Er heißt "Schneckentraum" und entfaltet in zehn Minuten eine Geschichte die jeden umhauen muß, der kein Herz aus Stein hat.


Jetzt gibt es endlich ne Quelle, wo man den (legal!) runterladen kann. Es ist eine spanische Seite; wahrscheinlich ist der Film wegen dem spanischen Regisseur da nachgefragter als hierzulande. Hier nach unten scrollen und auf den roten Balken "descargar schneckentraum" klicken.

der dude

6 Kommentare 15.10.06 15:51, kommentieren

Paul is dead

 

"Paul is dead" (1999) ist mein absoluter Lieblings-TV-Film. Selten eine Regie-/Drehbuch-Kombination gesehen, die so rundum gelungen ist wie dieser Streifen. Hinzukommt, daß die "Generation Golf" (der ich ja noch so eben zuzurechnen bin) einen minutiösen Blick auf ihre eigene Jugend werfen kann. Der Film ist ein mit der Pinzette angerichtetes Stilbild einer Jugend in den 80er Jahren. Da wurde aber auch an nichts gespart. Selbst die braunen, riffeligen Fantaflaschen gibt es und Fortuna Düsseldorf-Aufkleber und (das beste!): es gibt 12-jährige Jungen, die den Mittwochabend nicht abwarten können, weil sie eine WDR1-Sendung mit Alan Bangs aufnehmen wollen. Die Hauptfigur ist ein solcher Junge. Mit ausgestrecktem Zeigefinger hängt er apathisch vor dem Kassettenrekorder rum. Sein Bruder sieht das und fragt ganz cool: "Hast du auch das Leerband vorgespult?", woraufhin Tobias (die Hauptfigur) einen hektischen Anfall bekommt. Bei mir war es zwar nicht Alan Bangs sondern Mal Sondock; aber es haben sich dieselben herzzerreißenden Szenen abgespielt.

Zur Story: Sommerferien 1980. Tobias träumt von einer Band mit seinem älteren Bruder Till. Aber der hat sich für die Sommerferien etwas anderes vorgenommen: "das erste Mal" mit seiner Freundin. Das geht übrigens sowas von dermaßen genial in die Hose geht, daß ich mich auch beim hundertsten Mal anschauen noch kaputtlachen würde. Wer den Film gesehen hat, wird nicht mehr Yoko Ono sagen können, ohne an Amethyste zu denken. Aber ich schweife ab. Tobias ist langweilig, obwohl er sturmfrei hat und eigentlich alles machen könnte, was er will. Dann taucht in der Kleinstadt plötzlich ein weißer rechtsgesteuerter Käfer auf, der Tobias irgendwie bekannt vorkommt. Der Vergleich mit seiner Plattensammlung bestätigt ihm: es ist der Käfer von dem Beatles-Album "Abbey Road". Er bespricht den Fall mit seinem Plattendealer, der daraufhin sein Geschäft schließt und Tobias ins Vertrauen zieht. Er weiht ihn ein in die Verschwörungstheorie, daß Paul McCartney tot und durch ein Lookalike ersetzt worden wäre. Zentrales Element der Theorie ist der besagte Käfer. Von nun an ist "Paul is dead" ein astreiner Krimi. Tobias stellt Nachforschungen an, die alle seine Befürchtungen noch zu übertreffen scheinen. Allerdings verwickelt er sich auch selbst in die Geschehnisse und gerät in Gefahr. Mehr soll nicht verraten werden. Leider weiß ich nicht mehr, wem ich den Film (VHS-Tape) geliehen habe. Wer ihn hat und sich daran auf diesem Wege erinnert: ICH WILL DEN WIEDERHABEN!!! (zu kaufen gibt´s den nämlich nicht)

der dude

3 Kommentare 15.10.06 16:32, kommentieren

welcome to the real world

In der myblog-Blogliste erscheinen die dreißig zuletzt aktualisierten Blogs. Da hole ich mir meine morgendliche Dosis "nicht nach draußen wollen". So kann ich zufrieden drinnenbleiben und arbeiten. Mausihelga (eine erwachsene Frau) kocht heute Fischpfannkuchen und schreibt solche Gedichte:

WARUM???

Kommst du nicht mehr her warum?

Magst du mich nicht mehr?

Warum hast du mich verlassen?

Ich wollt, ich könnt dich hassen!

Über 19 Monate bist du fort,

bist nicht mehr hier - nur noch dort.

Weiss nicht, was ich soll davon halten.

Mein Herz - das ist gespalten.

Sie denkt sich auch jeden Tag eine lustige Frage aus und beantwortet sie dann höchstselbst.

Frage des Tages:

Was ist rot, rund und hat zwei scharze Streifen?

Antwort: Eine Tomate mit Hosenträgern.

Außerdem steckt sie mit der ostdeutschen Strick-Blog-Mafia unter einer Decke und stellt mit selbstverfertigten Kuscheltieren Szenen aus Pornofilmen nach.
http://myblog.de/mausihelga

Kehrtraud hingegen "hat nicht nur einen grünen Daumen, sondern zehn grüne Finger und grüne Zehen dazu. Deswegen wachsen und gedeihen in ihrem Garten Erdbeeren und Kartoffeln, Radieschen und Rosen, Himbeeren und Zwiebeln, Dill, rote Rüben, blaue Bohnen, Malven und Mohn - und alles durcheinander. Kehrtraud hat auch ein grünes Herz. Deswegen zirpen in ihrem Garten die Grillen, quaken die Kröten, huschen die Haselmäuse, flattern die Schmetterlinge - und alles durcheinander. Kehrtraud hat auch einen grünen Schnabel und macht manchmal Ärger bei Bürgermeister und Gemeinderäten, Straßenbauern, Architekten und Bauunternehmern - und alles durcheinander. Kehrtraud hat aber eine blaue Seele. Aus der sprudeln Gedichte und Geschichten - alles durcheinander. Und wenn demnächst ihr Krimi fertig ist, dann steht das auch hier. Wenn jemand genau wissen will, wer Kehrtraud ist, kann er sie ja anrufen: 089/61501159."

Ich sag´s mal mit mausihelga: "Ich weiss nicht, was ich soll davon halten." By the way: Kehrtraud hat auch ein grünes Gesicht.

der dude

1 Kommentar 16.10.06 13:46, kommentieren

Talkin´ ´bout my generation - Volume One

Es gibt glaube ich keine Generation, über der so viele Generationenbegriffe ausgeschüttet worden sind, wie über meine: Generation Golf I+II, GenerationX, Generation89, Generation@, GenerationN, Generation9/11, GenerationPraktikum und jüngst: GenerationWeb2.0. Generationenbegriffe haben mittlerweile die Halbwertzeit eines Stuhlgangs und treffen zu wie Horoskope. Mich stört das nicht. Solange Verlage und Universitäten noch genug Geld haben, um Leute zu bezahlen, die sich Generationenbegriffe ausdenken, bitte schön. Was mich aber definitiv stört, ist, wenn von diesen Typen so getan wird, als handele es sich bei den jeweiligen Generationenbegriffen um „Selbstdefinitonen“ der Menschen, auf die die Begriffe angeblich zutreffen sollen. Das ist ganz großer Unsinn und tastet meine Würde an. Als Beispiel nehme ich mal Alex Rühles Artikel „Ritter der Schwafelrunde“ aus der Süddeutschen Zeitung. Dort geht es um das Bloggen als generationsstiftendes Ereignis. Rühle ist genervt von dem Hype und fragt – da hat er meine volle Unterstützung –: „Kann nicht mal jemand das heilshysterische Gerede von der im ´Web 2.0´ nun endgültig erreichten Graswurzeldemokratie abstellen?“ Problematisch ist aber der oben angedeutete Umstand, daß Rühle davon ausgeht, die Heilserwartungen kämen von den Bloggern selbst. Er schreibt: „Die Internetgemeinde aber redet vom Web 2.0 in Begriffen wie auf einem sozialpädagogischen Urchristenkonvent: Ehrlichkeit, Vertrauen, Authentizität.“ Bitte erinnert mich dran, mich entmündigen zu lassen, sobald ich etwas derartiges sage oder schreibe. Auch meine Recherchen in anderen Blogs führten zu keinem Niederschlag solcher Behauptungen. Und Rühle legt noch kräftig nach. Seine Kritik richtet sich vor allem an „den narzisstischen Glauben der Blogger, schon im Moment ihrer Blogeröffnung eine kritische politische Gegenöffentlichkeit zu sein“ sowie an „die implizite Behauptung, das Medium selbst sei Garant für bestechend unabhängige Qualität und ritterliches Tun“. Ja, Junge, wer behauptet denn sowas? Das bin doch nicht ich (ich scheue das Wort „wir“, weil ich mit vielen anderen Bloggern nicht in einem Atemzug genannt werden möchte). Das seid doch wohl IHR, die mir sowas in den Mund legen. Dementsprechend unwissenschaftlich fällt auch der empirische Teil des Beitrags aus: Als der amerikanische Medienwissenschaftler Aaron Delwiche untersuchte, was die wichtigsten Themen der Blogger sind, kam heraus, dass es - neben dem Irak-Krieg - nur die eigenen Blogs waren. Jeder schreibt selbstreferentiell vor sich hin. Von akkumulierendem Weltgeist ist selten etwas zu spüren.“ Das ist an Perfidität nun wirklich nicht zu überbieten: Erst unwahre Behauptungen aufstellen und dann die Unwahrheit der Behauptungen denen zum Vorwurf machen, die mit diesen Zuschreibungen nie was am Hut hatten. Wenn mir hier Selbstreferentialität vorgeworfen wird, kann ich das gar nicht als Kritik auffassen. Ich wollte nie was anderes. Das ist doch nur für Feuilletonisten ein Schimpfwort. Die scheinen mir aber selbstreferentieller als sie zugeben können. Sie sind es nämlich, die in ihrem Abgrenzungswahn ständig mit neuen Generationen um die Ecke kommen und dabei eigentlich nur Negativbilder zum eigenen Lebenslauf erzeugen. Mich beschleicht der Verdacht, daß das unser Zusammenleben nicht nach vorne bringt. Gibt schon genug Nervungen wie Krieg und Hungersnot und Tierquälerei und so, da brauch man doch nicht noch künstlich welche dazuerfinden. Von mir aus kann jeder machen was er will und sich so definieren, wie er will, wenn er andern damit nicht auf die Nerven geht. Ich meine, wir wissen doch alle, daß wir uns nicht eines Tages alle in den Armen liegen, goldene Glöckchen erklingen und tausende Schäfchen mit rosa Bändchen im Anus um uns rumtanzen. Da brauchen wir uns doch nicht wirklich mehr voneinander abgrenzen, als das ohnehin schon der Fall ist.

Weil aber der Begriff der „Generation“ mittlerweile derart aufgeweicht ist, daß fast jedes kollektiv wiederholte Tun als neue Generation beschrieben werden kann, leben wir anscheinend im „Multigenerationalismus“. Bei Google ergibt das Wort Null Treffer. Daher bin ich nun der Urheber des Begriffs: „Generation Multigenerationalismus“. Jeder kann sich also ein Portfolio an Tätigkeiten zusammenbasteln, von denen er meint, daß die anderen auch gefallen und schreibt vor jeden Begriff dann das Wort „Generation-...“. Ich mach mal den Anfang: Als Mann gehöre ich definitiv zur „Generation Badminton“, wohingegen ich als Frau wahrscheinlich der „Generation Wentworth Miller“ zuzurechnen wäre. Ich hoffe, wir gehören alle ein wenig der „Generation Würde des Menschen“ an und gehen uns weniger auf den Geist.

der dude – Ritter der Schwafelrunde

 

 

 

3 Kommentare 18.10.06 13:51, kommentieren

Talkin´ ´bout my generation - Volume Two

Alte Menschen, die mir sympathisch sind, kann man an einer Hand abzählen. Das Alter begegnet mir in der Regel in seiner peinlichen, infantilen, verbohrten, besserwisserischen, unsensiblen, egoistischen und an Unverfrorenheit nicht zu überbietenden Form. Normalerweise würde ich sowas für mich behalten. Zum einen aus Respekt vor der Lebensleistung: wer im Krieg oder kurz danach geboren ist, dem gestehe ich ein paar charakterliche Skurrilitäten und auch das Gequatsche über „die Jugend von heute“ zu. Zum anderen natürlich aus Mitleid gegenüber Leuten, die nicht mehr so handeln und denken können, wie sie wollen. Ich neide ihnen auch nicht die fetten Renten. Die würde ich selbst ja auch nicht zurücküberweisen, nur weil die Generation nach mir schlechtere Karten hat (auch wenn ich deren Blatt selbst mitgesteckt habe, als ich politisch noch zurechnungsfähig war). Das alles und noch viel mehr ließe ich unerwähnt, wenn nicht genügend Anlaß zu der Annahme bestünde, daß diese meine Nachsicht mit Füßen getreten wird. Meine Erfahrungen sehen nämlich so aus, daß sich die Mehrheit der Greisinnen und Greise sozial wie die Wildsäue benehmen, gleichzeitig aber eine immer perfidere Politik gegen alle Unterfünfzigjährigen betreiben. Diese bewußt gesuchte Form der Entsolidarisierung muß geächtet werden. Und ich will meinen Beitrag dazu leisten. Nicht daß meine Kinder und Enkel mir später vorwerfen, ich hätte nichts unternommen gegen die offensichtlichen Anfänge der durch die Geronto-Diktatur herbeigeführten sozialen Verkommenheit unseres Gemeinwesens.

Meine erste Lektion in der Sache „wie benimmt man sich in öffentlichen Verkehrsmitteln“ bestand darin, daß meine Oma mir einbläute, erst die Menschen aus Bus und Bahn aussteigen zu lassen, bevor ich mich selbst anschicke, das jeweilige Gefährt zu betreten. Lektion 2: Wenn ältere und/oder gebrechliche Menschen einsteigen, wird denen der Platz angeboten. Diese Regeln befolge ich heute instinktiv: ich stelle mich automatisch seitlich an und ich springe für ein Mitglied der erwähnten Zielgruppe auf, noch bevor ich in medias res gehen kann, ob es nicht aus Faulheitsgründen besser wäre sitzenzubleiben. Das ist ein Paradebeispiel für Habituation (also die zur unreflektierten Gewohnheit gewordene Erfahrung): wie Pawlows Köter beim Ertönen der Glocke angefangen sind zu sabbern, so verfalle ich in Rücksichtsaffekte, sobald irgendein Tata mein Blickfeld kreuzt. Und ich muß feststellen, daß in Berlin selbst die Jugendlichen, die einem bei der Bitte, ihren MP3-Player leiser zu machen, ohne Worte sofort auf die Fresse schlagen würden, dieselben Reiz-Reaktions-Schemata zu beobachten sind. Demgegenüber steht die Armada an Altmenschen, die einem nicht nur durch mittiges Warten vor den Türen den Ausgang versperrt; nein, sie zwängen sich brutal mit ihren Schirmen, Ledertaschen und fetten Körpern in die Gruppe der Aussteigewilligen hinein. Schon mehrfach habe ich erlebt, was passiert, wenn diese ÖPNV-Terroristen von rücksichtgeübten Unterfünfzigern übervorsichtig auf ihre asozialen Taten aufmerksam gemacht werden. Da wird mit einer Frechheit zurückgeblafft, die einem jedesmal wieder Erschrockenheitslacher entlockt. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, aber ich will lieber auf die von dieser Horde betriebene Contra-Underage-Politik eingehen.

Ihr ideologischer Ideenlieferant ist Haug von Kuenheim. Der ehemalige Leiter des Ressorts „Modernes Leben“ bei der ZEIT, hat sich nach seiner Pensionierung dort ein Publikationsfleckchen freigepresst. In der Kolumne „Ein Rentner sieht rot“ wirbt er für die Weisheit der Alten und schmäht jegliche Praxis, die auf Handlungen von Nicht-Rentnern beruht. Als Beispiel seiner Verfehmungen wähle ich bewußt ein harmlos-skurriles, damit ich mich nicht zu sehr aufregen muß: seinen Artikel “Esst gefälligst auf!“. Darin erinnert er eingangs an die Hungerjahre seiner Generation und spricht im Anschluß über seine dadurch induzierte Aversion gegen jegliche Form der Nahrungsmittelverschwendung. Psychologisch kann ich das absolut nachvollziehen, und auch ich finde es nicht gut, wenn – eine Handlungsalternative vorausgesetzt – Essen weggeschmissen wird. Es gibt doch diese Berechnungen, daß ein paar Atomkraftwerke abgeschaltet werden könnten, wenn alle den Fernseher nachts ausmachen würden, anstatt ihn auf Stand-By laufen zu lassen. Vielleicht ist es ein wenig naiv, aber ich glaube, daß wenn nur soviel Fleisch gekauft würde, wie man wirklich isst (also nicht mehr kaufen und dann den Rest wegschmeißen), daß dann ein paar Schweine weniger geschlachtet werden müßten. Jegliche politische Bewußtseinsbildung in diese Richtung hat meine volle Unterstützung. Haug von Kuenheim vertritt nun in seinem Artikel die Auffassung, daß seine Nachfolgegenerationen auf die subversive Idee gekommen sind, Nahrungsmittel systematisch zu verschwenden. Er schreibt: „Und heute? Da packen sich erwachsene Menschen den Teller randvoll, um dann, weil die Augen größer waren als der Magen, den Rest in den Mülleimer zu kippen. Oder: Sie schieben im Restaurant den Heilbutt von sich, den sie nach langer Suche auf der Speisekarte bestellt haben, weil sie doch lieber Matjes gehabt hätten. Oder es ist ihnen die Portion Spaghetti zu groß, die ihnen der Kellner vorlegt, obwohl sie von vornherein um eine kleinere Portion hätten bitten können, wo sie doch wussten, dass ihr Appetit nur ein kleiner ist.“ Die geschilderten Verhaltensformen sind in der Tat bescheuert, aber: die Attitüde, den Teller immer vollzuknallen, egal wieviel Hunger man hat, das kommt nicht von uns, Haug, das ist eine Folge Eurer Erziehung. Es ist habituiert; die Leute können nicht anders, weil ihr, die den Hunger erlebt habt, kaum etwas lustvolleres kennt als einen Teller, bei dem, wenn man die Gabel an der einen Seite reinsteckt, an der anderen Seite was runterfällt. Und as habt Ihr der nachwachsenden Generation (meinen Eltern zum Beispiel) systematisch eingetrichtert. Du bist selbst das beste Beispiel dafür. Anstatt nämlich Deinen Enkeln erstmal wenig aufzuscheppen, um im Fall größeren Hungers nachzureichen, ist es für Dich ein Beweis der schlechten Kinderstube, die Deine Kinder Deinen Enkeln haben angedeihen lassen, daß diese den von Dir bestückten Teller nicht leeressen. Haugs Résumé fällt dann auch dementsprechend aus: „Halten Sie mich getrost für altmodisch, für spießig, für nicht mehr auf der Höhe der Zeit befindlich, die neuesten pädagogischen Erkenntnisse ignorierend, was Kinderernährung betrifft. Ernst August, keineswegs übergewichtig, muss, jedenfalls bei seinen Großeltern, den Teller leer essen. Bisher kam er trotzdem immer gern zu uns.“ Also, lieber Haug, ich halte Dich für altmodisch, spießig, nicht mehr auf der Höhe der Zeit befindlich, du ignorierst moderne pädagogische Erkenntnisse und Dein Enkel kommt, wie Du sehr richtig schreibst nur TROTZ Deiner mittelalterlichen Gebaren zu Dir. Ohne Dein Zusatztaschengeld würde er wahrscheinlich lieber in den Ferien die Wagen der Nachbarschaft waschen und deren Rasen mähen, anstatt sich unentgeltlich Deinen Nervungen auszusetzen; womöglich noch zu ertragen, wie Du knorpelknirschend Deinen Kottlett-Knochen abnagst.

Ich bin fest davon überzeugt, daß wenn sich die Alten irgendwann politisch solidarisieren, unser Gemeinwesen auf seine bisher härteste Probe gestellt wird. Ich sehe politische Verhältnisse, in denen ihr politsches Organ (Die Grauen) SED-mäßige Wahlergebnisse erzielt. Deshalb schlage ich jetzt schon - vor dem verpaßten Augenblick - Anträge auf die Feststellung ihrer Verfassungsfeindlichkeit vor.

der Dude – Ritter der Schwafelrunde

1 Kommentar 19.10.06 14:33, kommentieren

Zusatzseite "MyTubes"

Selbst ich hab es jetzt hinbekommen, die Videofenster von YouTube in diese Seite einzubauen. Einen wachsenden Querschnitt durch meine musikalischen Präferenzen gibt´s jetzt auf der "Zusatzseite MyTubes".

der Dude - Ritter der Schwafelrunde

1 Kommentar 20.10.06 21:45, kommentieren

I got a hand in my head - and it´s pulling out all of my mind

Heute morgen mit fürchterlichen Kopfschmerzen aufgewacht. Alles versucht: Vitamin C + Koffein + Painkiller. Dann den Kopf solange unter kaltes Wasser gehalten, bis er taub war. Zur Entspannung ein Bad genommen. Hat alles nix geholfen. Hinzu kam ein grauenvoller Ohrwurm: „You make me feel like a natural woman“, aber immer nur diese Zeile. Fürchterlich. Nach der zweiten Aspirin und insgesamt zwei Stunden wurde es etwas besser. Der Schmerz war jetzt in dem Spektrum, wo man durch angenehme Ablenkungen über ihn hinwegtäuschen kann. Ein wenig Musik, dachte ich mir, aber bloß nix Lautes, trotzdem soll es aber gute Laune machen: Weil ich noch nicht richtig denken konnte, fiel meine Wahl auf den schönen Tune „Hand in your head“ von Money Mark. Erst fand ich die Wahl passend, bis der Refrain kam: „I got my hand in your head – and it´s pulling out all of your mind.“ Danke Mark. Musikplan verworfen und zum letzten Mittel gegriffen: Affekte durch Konsum befriedigen. Was Schönes kaufen hilft eigentlich immer. Meine Wahl fiel auf einen FM Airplay-Transmitter für meinen iPod. Damit kann man kabellos die Musik vom iPod an ein Radio übertragen. Einfach unten an den iPod dranstecken, am Radio ne bestimmte Frequenz einstellen und fertig. Für mich als Podcast-Addict eine sinnvolle Anschaffung, grad in Anbetracht meiner häufigen Fahrten nach Berlin. Die notwendigen Penunsen wollte ich mir von meinem Volksbank-Sparbuch holen. Allerdings habe ich vorgestern bei der dazugehörigen Karte drei Mal die falsche Nummer eingegeben. Jaja, ich dachte auch immer: so blöd kann man gar nicht sein. Kann man aber doch. Ich benutze die Karte vielleicht zwei Mal im Jahr und es schwirren sowohl die alte wie die neue Nummer in meinem Kopf rum, wobei ich nie weiß, weldche von beiden jetzt die neue ist. Also erstmal eine Nummer eingegeben, von der ich dachte, sie sei die Neue. Falsch. Oh dachte ich, haste dich vertippt. Neuer Versuch. Wieder falsch. Also muß es die andere Nummer sein. Die ist mir sowieso lieber, weil man die sich in Form eines Datums merken kann (also zum Beispiel: 0377 = März ´77). Das ist aber auch tükisch, weil ich immer überlegen muß: war es jetzt März ´77 oder Juli ´33 oder ... Selbstredend war auch mein finaler Versuch nicht von Erfolg gekrönt. „Zuviele falsche Geheimnummern. Bitte melden sie sich bei ihrer Bank.“ Das wollte ich dann heute machen. Aber die bekackte Bank hat Samstags zu. Liegt es an meinen Kopfschmerzen, daß ich so fest davon überzeugt bin, Banken hätten früher Samstags immer bis Mittags aufgehabt? Ich mußte mich also ergeben, und das tue ich am liebsten in Form exzessiven Selbstmitleids. Das auch noch zu bloggen, so mein Plan, hätte wenigstens noch was Kreatives. Und ich hatte auch ne gute Idee: Ich wollte, um meine Stimmungslage auch optisch deutlich zu machen, an den Anfang dieses Textes eine Tuschezeichnung von Franz Kafka einfügen. Da liegt eine Figur ziemlich zerstört mit dem Kopf auf einer Tischplatte. Aber das Bild konnte ich nicht einfügen, weil ich mein Upload-Maximum von 500kb für diesen Blog bereits ausgeschöpft habe. Ich mach jetzt auf Zynismus und warte auf weitere Katastrophen, die ich dann müde belächeln werden.

der Dude – Ritter der Schwafelrunde

3 Kommentare 21.10.06 12:00, kommentieren