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Die Herbert Watterott-Wolf Singer-Connection

Was sagt uns die Gehirnforschung über spannende Sportberichterstattung?

Heute habe ich mir das Straßenrennen der Rad-WM angeschaut. Es war die letzte Amtshandlung von Herbert Watterott, der in den letzten 45 Jahren so ziemlich jedes Highlight in dieser Sportart kommentiert hat. Die letzten eineinhalb Runden waren extrem spannend. Kurz vor der Tausendmetermarke geht eine Fünfergruppe (Zabel und Bettini mit dabei), und es ist klar, daß das Feld bei dem von ihnen vorgelegten Höllentempo die Lücke nicht mehr wird zufahren können. Da brüllt der Co-Kommentator Hagen Bossdorf: "In wenigen Augenblicken gehen 45 jahre Radsport-Berichterstattung zuende. Der letzte kilometer gehört dir. Los Herbert, SCHREI SIE ZUM SIEG!!!" Und das hat er gemacht. Er hat nochmal alles in die Waagschale geworfen, was ihn als Kommentator ausgezeichnet hat. Jede noch so minimale Entwicklung des Finishs hat er synchron (!) kommentiert (darauf wird noch zurückzukommen sein). Mit jedem Meter wurde es spannender, mit jedem Meter wurde Watterott lauter und schneller, ohne dabei aber das Geschehen zu vernachlässigen. Eine Sternstunde des Sportkommentars; absolut vergleichbar mit "rahn schießt und toooor" sowie "albatros fliiieeeg".

 

Im Rahmen meiner Dissertation beschäftige ich mich unter anderem mit aktuellen Forschungsergebnissen der Neurowissenschaften, sprich: der Gehirnforschung. Da sorgt seit einigen Jahren eine Entdeckung für ziemliche Unruhe. Es konnte experimentell gezeigt werden, dass im Gehirn Impulse Richtung "Handlung ausführen!" laufen, bevor die Versuchsperson diese bewusst und reflektiert "in Auftrag gegeben" hat (Ich will jetzt das und das machen.) Unter anderem an solchen Befunden machen Hirnforscher wie Wolf Singer ihre These fest, daß wir den Einfluß des "Willens" auf die Handlung einschränken müssen. Die plakativste These lautet, man müsse eigentlich sogar das Strafrecht revidieren, weil der dort vorausgesetzte Wille ein Bewußtsein erfordere, das sich nicht allein auf automatisch-körperliche (z.B. neuronale) Funktionen beschränke. Die Existenz genau dieses Bewusstseins bezweifeln Forscher wie Wolf Singer. Handlungsabsichtenstoßen nicht neuronale Aktivität an, sondern folgen ihnen nach - so die These. Wir bilden uns den freien Willen nur ein. Zwar ist es den Forschern noch nicht gelungen, ein neuronales Äquivalent zum Bewusstsein zu finden. Aber das hält sie und vor allem ihn nicht vom Sprücheklopfen ab. Andere Wissenschaftler betreiben lieber Grundlagenforschung und fragen nach den Ursachen des genannten Phänomens. Einige vermuten, daß es sich dabei um Instinktreste handele, und das klingt plausibel. Für die langsamdenkenden Affenmenschen war es vorteilhafter, mit einem "Flieh"-Instinkt erstmal abzuhauen, bevor sie Minuten später gerafft haben, dass es wieder nur die eigene Sippe war, die da um die Felsecke gelatscht kam (Wer mag das wohl sein? Hmm, erstmal überlegen, könnte meine hässliche Alte sein. Oder sinds wieder diese blöden Raubtiere? Ich geh mir das mal näher anschauen.). Daß es sich um evolutionäre "Reste" handelt, dafür spricht die Tatsache, daß der Zeitverzug der parallel laufenden Impulse durch die Reflexionseinheiten des Gehirns beim heutigen Menschen alltagsmäßig unrelevant ist. Ich stell mir die Zeitspanne in etwa so lang vor, wie die zwischen dem Aufschrecken und der nachfolgenden Einsicht, dass man ne SMS bekommen hat. Das reicht wohl nicht aus, um mordend durch drei Bundesländer zu ziehen oder jahrelang Gammelfleisch zu verhökern. Ich weiss nicht, ob unser strafrecht gut ist, aber ich glaube, wir werden es noch eine Weile behalten. Wär ja auch doof für den guten Wolf S., wenn man ihn ernstnähme und den Juden sagen müsste: "Hört mal zu Jungs, also diese Schuldfrage ist jetzt geklärt. Schuld is nich, weil ... also das Gehirn war das ganz alleine ... aber das kann euch jetzt der Wolf am besten erklären. Wolf, bitteschön, jetzt du."

Nach meinen diesbezüglichen empirischen Befunden im Bereich des Radsportjournalismus muss ich feststellen, dass die Versuchsperson Herbert Watterott (er ist ja auch schon ganz schön alt) mit diesen Instinktresten gesegnet ist. Der sprachhandelt ja dauerhaft unter dem zeitlichen Nachdenk-Limes. Wenn ich Wolf Singer treffe, werde ich ihn fragen, ob man das Recht auf spannende Sportberichterstattung revidieren muss.
der Dude

 

1 Kommentar 24.9.06 20:33, kommentieren

Didaktik für Kinder des Zorns

Vor ein paar Wochen (irgendwann im Hochsommer) hätte ich nicht zu hoffen gewagt, jetzt hier zu sitzen und noch am Leben zu sein. Meine Eltern hatten einen schrecklichen Jungen (15) aus der Nachbarschaft meiner Oma in den Sommerferien zu Besuch. Nebenbei bemerkt: Ich wohne im Haus meiner Eltern. Über die psychologischen Mechanismen, die dazu führen, daß meine Eltern überhaupt sowas machen (und zwar wiederholt), möchte ich hier keine Mutmaßungen anstellen. Mir geht es schlicht um meine Existenz, also die Fortdauer derselben. Und genau die sah ich in jener Zeit auf´s Ärgste bedroht. Obwohl´s schon ein wenig her ist, schreib ich im Präsens, weil das meine damalige Befindlichkeit besser trifft:

ICH HABE ANGST! Der fiese Junge wird mich heute Nacht mit einem Kissen ersticken. Man kann sich bei sowas Schlimmem ja nie ganz sicher sein, aber es sprechen wirklich eine Menge Anzeichen dafür, daß er es tun wird. Ich glaube sogar, er hat schon ein bißchen geübt. Heute Nachmittag lag ich im Bett. Es war ziemlich warm, richtigggehend heiß und schwül, deshalb hatte ich alle Fenster auf und auch die Eingangstür, weil´s im Treppenhaus schön kühl ist und ich zwar weiß, daß nur die warme Luft nach oben steigt, aber manche Menschen hoffen auf viel abgefahreneres Zeugs und ich eben, daß die kühle Luft aus dem Flur zu mir nach oben unters Dach kommt. Wahrscheinlich ist die heiße Luft aus dem Flur noch kälter als bei mir die Bodentemperatur, was meine Türöffnungsthese plausibel machen könnte, aber ich will jetzt nicht abschweifen. Fakt ist: die Tür war auf. Ich lag, wie ich bereits erwähnt habe, im Bett und habe Tour de France geschaut. Und auf einmal steht dieser Hellboy da, neben meinem Bett, glotzt mich fies an und sagt noch fieser: "Essen kommen!", aber so, als sei es ihm lieber, ich käme nicht. Wahrscheinlich ist er der Bitte meiner Eltern, mich zu rufen, nur nachgekommen, weil die geringe, aber nie ganz auszuschließende Möglichkeit bestand, ich könne an einem abgebrochenen Hähnchenschenkelknochen ersticken. Um aber nochmal auf die Situation seiner abrupten Präsenz neben meinem Bett zurückzukommen: Mein Fußboden besteht aus übel knatschenden Fußbodenbretter. Die geben schon Laut, wenn der Wind etwas kräftiger auf das Dach drückt. Ich weiß gar nicht, wie oft ich schon versucht habe, mich in mein Zimmer reinzuschleichen und meine Freundin zu erschrecken. Es hat sich aber als absolut unmöglich erwiesen. Die Treppe schafft man vielleicht noch, und wenn man die Tür etwas anhebt und nur soweit aufschiebt, daß man gerade so durchpaßt, dann kommt man über den Fliesenweg bis zum Ofen. Aber der erste Schritt aufs Holz ist der letzte Unbemerkte. Jetzt ist dieser Junge vielleicht 5 Kilo leichter als ich (also ca. 62kg). Dennoch muß er sich aber ne Menge Mühe gemacht haben, UNBEMERKT bis zu meinem Bett vorzudringen. Warum frage ich mich? Meines Erachtens gibt es da nur zwei Möglichkeiten: Entweder er wollte mich erschrecken. Dann hätte er sich aber kaputtlachen müssen, denn ich bin wirklich ziemlich übel zusammengezuckt. Die zweite Möglichkeit macht mir Angst. Ich sprach eingangs davon.

Ich denke, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um ein paar erklärende Worte zu diesem Antagonisten loszuwerden. Wie erwähnt ist er ein Nachbarsjunge von meiner Oma, der mit 14 Jahren nicht wußte, was ein Vulkan ist. Meine Eltern, ziehen Kinder an wie der Mist die Fliegen. Ist wahrscheinlich so´n Hormon-Enkelkinder-Ding (obwohl ich dazu ja eigentlich nichts sagen wollte; es ist wirklich das einzig Negative, was ich über meine Eltern zu berichten hätte und deshalb erwähne ich es nicht gern, weil es klingt, als hielte ich meine für halb dement.). Jedenfalls hat das dazu geführt, daß dieser Junge einen Teil der Ferien hier verbringt. Das endet immer in mütterlichen Heulkrämpfen, weil meine Mutter so´ne Obergastgeberin ist und der so gut wie nichts mag (keine Zwiebeln, keinen Pfeffer und so ziemlich jedes andere Grundnahrungsmittel). Was mich bei seinen vorherigen Aufenthalten schon beunruhigt hat, war, daß man ihm seine mich betreffende Eifersucht voll angemerkt hat. Er wollte meine Eltern immer voll für sich haben, wogegen ja auch gar nichts einzuwenden ist. Aber das treibt wirklich immer krausere Blüten. Heute morgen beispielsweise. Da war ich der Erste unten, habe Kaffee gekocht, den Tisch gedeckt und Zeitung gelesen. Er kommt rein ohne Guten Morgen zu sagen und fragt: Wo sind denn X und Y? (Vornamen meiner Eltern), aber in einem Ton, der klang wie: Was willst DU denn hier? Und heute Nachmittag wollten meine Eltern mit ihm eine Radtour machen. Die sollte am Bouleplatz enden, weil ja heute Mittwoch ist und ich mittwochs immer spiele. Das machen die in letzter Zeit häufiger, fahren ein bißchen mit dem Rad und schauen dann von den Bänken aus beim Boule zu. Sie kamen also an, meine Mutter steigt ab und setzt sich. Ich gehe hin, begrüße die drei. Marcel (so heißt er) bleibt zehn Meter zurück. Mein Vater will auch absteigen, aber Marcel bittet ihn, kurz zu ihm kommen. Als nächstes hat mein Vater meine Mutter bitten müssen, sich wieder auf´s Fahrrad zu schwingen: Marcel will weiterfahren.
Ich glaube, ganz abgesehen von seinen Mordabsichten, ist er so auch nicht ganz normal. Es ist jetzt 22:40 Uhr und er räumt mit meinem Vater den Gartenteich leer. Ziemlich bizarr, oder? Das hatte er sich spontan in den Kopf gesetzt, und mein Vater hat sich wohl das Wort Nein für die Dauer von Marcels Aufenthalt verboten. Ich denke, nun ist der richtige Zeitpunkt, um eine Taschengelderhöhung zu erbitten.
Ich hab einem Freund (Hi Chrissi) die Geschichte mal erzählt, aber der hatte nur Häme für mich übrig. Er hat Situationen heraufbeschworen, in denen meine Eltern mir sagen: "Du, Marcel möchte nicht, daß du hier im Haus rauchst." Und Chrissi hat auch orakelt, ich käme eines Tages aus Berlin (meine Freundin wohnt da - Hallo Indra!) zurück und Marcel hätte mein Zimmer bezogen.
Heute morgen - das habe ich vergessen zu erzählen - ist er mit dem Fahrrad zur Tanke gefahren und hat sich die BILD-Zeitung gekauft. Das hat mich ziemlich gewundert, weil ich eigentlich dachte, er könne gar nicht lesen. Ich meine, er kann ja nichtmal richtig sprechen. Beim Frühstück wollte er sagen, daß man Teichpflanzen, die in Pflanzkörbe eingepflanzt sind, mit einem Sack umhüllen muß, damit die Erde nicht rausgespült wird. Es hat ungelogen drei vier Minuten gedauert, bis meine Mutter, mein Vater und ich überhaupt rausbekommen haben, was das Thema war. Das war so kryptisch und abgehackt. Stotter-Stanley und PPPPPsycho in Personalunion.
Was mich im Nachhinein beunruhigt ist folgendes: meine Doktorarbeit hat einen didaktischen Schwerpunkt; genauer geht es um die Kultur elementarer Lernprozesse. Selbst die anthropologisch weit zurückreichenden Befunde (wir reden hier von Höhlenmalerei-Zeiten) gehen von kognitiven Niveaus aus, die die Abstraktionsleistungen dieses Jungen astronomisch übersteigen. Und ich dachte, ich hätte schon tiefgestapelt, als ich die angenommene Kognition von behaarten Wilden zum erwartbaren kognitiven Niveau eines 5-jährigen Kindes erklärt und zur Basis meiner theoretischen Bemühungen gemacht habe. Wenn ich es also nicht schaffen sollte, die empirischen Marcel-Befunde zu verdrängen, muß ich entweder lügen oder meine Ausgangsthese revidieren.
der dude

3 Kommentare 24.9.06 22:12, kommentieren

... wenn ein Artikel über einen Film besser ist als der Film selbst

Filmkritiken zu lesen ist eine gefährliche Angelegenheit. Ob man will oder nicht, wird man durch sie in der Entscheidung beeinflußt, ob man nun reingehen wird in den Film oder eben nicht. Totale Verrisse können also dazu führen, daß man sich gar keine eigene Meinung mehr bildet. Diese Gefahr wird aber häufig durch die mangelnde Qualität des jeweiligen Artikels selbst eingedämmt. Nur die gut geschriebenen und nachvollziehbaren Verrisse halten mich in der Regel davon ab, einen Film anzuschaue. Ganz selten aber gibt es Verrisse, die sind so gut geschrieben, daß man in den Film reingeht, nur um den genialen Verriss bestätigt zu finden. Um eine solch seltene Kritik handelt es sich, wie ich meine, bei "Wasserspiele im Riesenpott" von Frank Schätzing (erschienen in: Die ZEIT v. 6.7.2006). Es spielt keine Rolle, daß der Artikel schon drei Monate alt ist und auch nicht, ob man das Petersen-Remake von "Poseidon" schon gesehen hat oder nicht. Vielmehr ist es die originelle Herangehensweise ("Frage: Wenn sich Captain Kirk, Mister Spock und Smith auf die Oberfläche eines fremden Planeten beamen lassen, wo allerlei übles Gekreuch sein Unwesen treibt – wer stirbt?" ), derextrem unfeuilletonistische Ausdruck ("Kurt Russells triefnasige Tochter hingegen wäre auf dem Meeresboden besser aufgehoben." ) und die Klarheit der Hauptthese ("Es passiert das Schlimmste, was einem Katastrophenfilm widerfahren kann, nämlich dass es uns egal ist, wer draufgeht." ), die den Artikel selbst zu einem Erlebnis machen. Schätzings Kritik von "Poseidon" ist mehr entertaining als der Film selbst.

Ich bin reingegangen in "Poseidon". Aber ohne die vorherige Lektüre von "Wasserspiele im Riesenpott" wäre es nur der halbe Spaß gewesen.

Nun der Artikel:

 

Wasserspiele im Riesenpott

Frage: Wenn sich Captain Kirk, Mister Spock und Smith auf die Oberfläche eines fremden Planeten beamen lassen, wo allerlei übles Gekreuch sein Unwesen treibt – wer stirbt?

Kundige Enterpriseler runzeln die Stirn. Smith? Wer war noch mal Smith? Klar, Smith muss ins außerirdische Gras beißen, der ist vorher nie aufgetaucht, hat keine Biografie, keinen Anspruch auf ein Serienleben. Smith ist der Quotentote, weil eine Bedrohung, die keine Opfer fordert, nicht bedrohlich ist, das Ableben von Kirk und Spock indes den Exitus der Serie zur Folge hätte. Denn deren Geheimnis ist die Wiederherstellung der Ausgangssituation, damit kommende Woche alles hübsch an seinem Platz ist. Eherne Regel, die einzig daran scheitern dürfte, dass Mutter Beimer irgendwann an Altersschwäche stirbt. Star Trek II:Der Zorn des Khan zum Beispiel forderte Spocks Leben, was die Fans derart verdross, dass er in Star Trek III: Auf der Suche nach Mister Spock flugs wieder auferstand. Oder denken wir an Bobby Ewing, den Untoten aus Dallas. Wie Pam sich grämte über des Gatten Ableben, nur um ihn eines Morgens spritzlebendig unter der Dusche vorzufinden. Das Dummerle hatte nur geträumt, 31 Folgen lang! Zeit und Raum werden gebogen, weil Serien einem ureigenen Bedürfnis Rechnung zollen: dem Wunsch nach einer intakten Familie. Wer will schon Spock sterben sehen? Smith, nehmt Smith!!

Spielfilme, abgeschlossene Geschichten, funktionieren anders. Dort kann man sich weniger in Gewissheiten kuscheln. Dort könnte Smith überleben und Spock die spitzen Löffel abgeben. David Fincher opfert in seinem perfiden Meisterwerk Sieben wider alle Erwartungen den einzigen Sympathieträger des Films. Der Mut zahlte sich an den Kinokassen aus, was andere Regisseure nicht davor bewahrt hat, auf Druck der Produzenten alternative Happy Ends zu drehen. In Spurlos verschwunden muss Sandra Bullock sterben, aber nur, weil ihre damalige credibility ein Überleben nicht zwangsläufig garantierte. Dafür darf Kiefer Sutherland dem fiesen Jeff Bridges im Showdown den Hirnkasten plätten und sein lebendig verscharrtes Schatzi ausbuddeln, bevor dem die Luft ausgeht. Das holländische Original, Spurlos, versagt uns diese Katharsis. In seinen besten Momenten arbeitet der Thriller der Prognostik entgegen, womit im Wesentlichen gesagt ist, was einen guten von einem mittelmäßigen Thriller unterscheidet. Ein Happy End darf er ruhig haben, aber man darf es nicht voraussetzen. Nur einer darf wissen, wie es ausgeht, und das ist der Regisseur.

Die meisten Thriller sind Geschichten über menschliche Verstrickungen, entwickelt aus Biografien. Um Rache geht es, Habgier, Eifersucht, das Unmenschliche im Allzumenschlichen. Urheber jeden Geschehens sind die Protagonisten. Im Augenblick, da ihre Geschichte erzählt wird, lernen wir sie kennen, hassen oder lieben, fiebern mit Clarice Starling und Hannibal Lecter, der Schönen und dem Biest aus Schweigen der Lämmer, lassen uns berühren von Al Pacino und Robert De Niro in Heat, weil wir begreifen: Dies ist kein Film über Polizisten und Bankräuber, sondern über die Einsamkeit. Das Grauen steigt aus den eigenen inneren Abgründen empor, in die wir uns folgerichtig hinabbegeben müssen. Thriller sind Geschichten über die Ungeheuer in uns selbst. Einige solcher Geschichten hat Wolfgang Petersen schon mit Bravour erzählt. Das Boot handelt vom Ungeheuer Krieg. Zwei Dutzend ungewaschener Kerle wachsen uns in der klaustrophobischen Enge eines U-Boots ans Herz, ohne dass wir einen Moment lang zu sagen wüssten, wer die Reise überlebt. Und der Action-Film In the Line of Fire lässt das Monster John Malkovich gegen einen wunderbar verkniffenen Clint Eastwood agieren, dessen Ungeheuer die eigene Vergangenheit ist.

Petersen, sollte man meinen, kennt sein Genre, also auch die Crux des Katastrophenfilms, einer Thriller-Spielart, für die eigene Regeln gelten. Darin wüteten während der Siebziger zwei Ungeheuer, die sich auf keiner Couch therapieren ließen. Das eine hieß Natur, das andere Technik, Urgottheit und Frankenstein. Dessen Erfinderin, Mary Shelley, hatte den schöpferischen Menschen einst zwischen alle Stühle gesetzt. Dass Götter Monopolisten sind und auf kreative Konkurrenz mit sieben Plagen und sonstigem Getöse zu reagieren pflegen, wusste man. Jetzt erwies sich plötzlich auch die Schöpfung als Feind. Im Falle Frankensteins war es die mies gelaunte, weil schlampig zusammengeflickte Kreatur, die stellvertretend für den lieben Gott Randale machte. Danach übernahmen Roboter, Computer, Flugzeuge, Hochhäuser und Atombomben die Schurkenrolle – Manifestationen eines kollektiven Unbehagens, genährt durch Tragödien wie den Abwurf der Bombe auf Hiroshima. Tatsächlich erzählen Katastrophenfilme vom Kontrollverlust. Das Genre ruht auf gut getarnten, nichtsdestoweniger tragenden religiösen Fundamenten. Es geht um Hochmut und Versündigung. Um das, was einem blüht, der sich zum Schöpfer aufschwingt, um den Moralverfall mit zunehmender Technisierung. Bei genauem Hinsehen vollzogen sich in Filmen wie Flammendes Inferno und Erdbeben die Schicksale Sodoms und Babels, erteilte die göttliche Natur schmerzhafte Lektionen. Es war die säkularisierte Welt, die zu Klump ging, Beispiele menschlicher Schaffenskraft wie Flugzeuge, Hochhäuser, Superschiffe, ganze Metropolen. Gott, lernte man, mag keine erdbebensicheren Städte. Wer die zu bauen versteht, könnte sich fortan unbeeindruckt zeigen, wenn der Herr es rappeln lässt, und was wäre das für ein Herrscher, den man nicht mehr fürchtet? Folgerichtig wurde im Katastrophenfilm alles, was geeignet war, den Menschen vom göttlichen Mythos zu emanzipieren, genüsslich auseinander genommen. Womit zugleich klar war, wer überlebte, nämlich der gottes- und familienfürchtige Amerikaner. Es mochte Mutter Erde sein, die den Boden in Erdbeben erzittern ließ, aber sie machte Unterschiede, wen sie verschlang, und der Teufel steckte im Detail beziehungsweise in dem Kurzschluss, der das Inferno im 81. Stock des Duncan Tower auslöste. Und wen holt sich der Teufel? Die Sünder natürlich.

Erst mit den Jahren verschwand der religiöse Unterton. In seinen besten Momenten warnte uns der Katastrophenfilm nun, den Wandel von der Evolution zur Technolution nicht überhastet zu vollziehen. Roland Emmerichs The Day after Tomorrow stellt den technischen Fortschritt keineswegs infrage. Das Ob weicht dem Wie. Auch Petersen erweist sich in Poseidon, seinem neuen Film, als wohltuend resistent gegen religiöse Inhalte, was man ihm anrechnen muss in Zeiten neokonservativer Sinnsuche. Doch der Katastrophenfilm birgt eine weitere Gefahr. Was uns anlockt, ist die Sichtbarmachung des Unvorstellbaren, Ereignisse, die selbst Oscar-Preisträger zwangsläufig zu Statisten und Stichwortgebern degradieren. Letzten Endes wollen wir zusammenbrechende Brücken sehen, explodierende Flugzeuge, die Feuerwalze im Hochhaus, die Monsterwelle, den spuckenden Vulkan, den Meteoriten. Das Problem des Regisseurs ist, dass er sich damit nicht begnügen darf. Er muss eine Geschichte erzählen, die von Menschen handelt, vom Versuch, zu überleben. Im Gegensatz zum herkömmlichen Thriller entwickelt sich das Geschehen aber nicht aus den Biografien der Figuren, vielmehr konkurrieren sie mit einem Desaster, das ungleich beeindruckender daherkommt als sie selber. Dennoch ist der Katastrophenfilm zwingend auf Biografien angewiesen. Solange uns das Schicksal der Protagonisten nicht berührt, schert uns nämlich die Frage, wer am Ende übrig bleibt, herzlich wenig. Bloß, wie etabliert man Charaktere gegen die Übermacht des Monsters?

Den Katastrophenfilmern der Siebziger boten sich zwei Möglichkeiten, und fast alle entschieden sich für die sichere Variante. Sie verlegten das Desaster nach hinten und konfrontierten uns in einer Art Vorspann mit Personen, die wir im Schweinsgalopp lieben oder hassen lernen mussten. Wie auf einer großen Party schüttelten wir Hände, sahen in Gesichter, führten im Stakkato Small Talk, nur dass keine Floskeln ausgetauscht, sondern die Hosen runtergelassen wurden: hier der Intrigant, da der Spieler, dort die fremdgehende Ehefrau, sodann der jugendliche Held, wiederum der alte Drecksack und so weiter und so fort. Die Dramaturgie des Katastrophenfilms folgt dem Zehn-kleine-Negerlein-Prinzip, also müssen wir alle Negerlein kennen lernen, um später mit ihnen zu bangen. Viel Zeit bleibt nicht, schließlich fiebern wir dem Terror entgegen – kein einfacher Job für einen Regisseur.

Der zweite Weg, das Problem zu lösen, ist eigentlich der spannendere. Er setzt die Katastrophe an den Anfang und lässt die Protagonisten an der Bewältigung wachsen. Natürlich ist diese Variante ungleich anspruchsvoller, verlangt sie doch den ständigen Spagat zwischen Action und Psychodrama, ohne dass eines zulasten des anderen geht. Ein ganz manierliches Beispiel liefert Cube, ein surrealer Thriller über eine Hand voll Menschen, die sich in einem Labyrinth aus Quadern wiederfinden, ohne Vorgeschichte, ohne die geringste Ahnung, wie sie dorthin gelangt sind. Erst im Zuge ihrer (meist tödlich verlaufenden) Befreiungsversuche lernen wir sie kennen und entwickeln eine Beziehung zu ihnen. Filme wie Cube erlauben dramaturgische Stringenz von Anfang an, scheitern jedoch, wenn es ihnen nicht gelingt, Persönlichkeiten aufzubauen. Wohl darum entschieden sich die Macher der Katastrophenfilme fast durchweg für den ersten Weg und drehten jedes Mal gleich zwei Filme: einen über die Katastrophe und einen über die Protagonisten, der dem Hauptfilm vorangestellt und mehr oder weniger geschickt mit diesem verdübelt wurde. So geschah es auch in Ronald Neames 1972 gedrehtem Film Die Höllenfahrt der Poseidon, einem der besseren Reißer, in dem Wolfgang Petersen zu Recht das Potenzial für eine Neuauflage sah.

Auch der Zeitpunkt schien gut gewählt. Genres ist zu Eigen, dass sie Regeln folgen. Das geht so lange gut, bis man die Regeln durchschaut hat und ihrer überdrüssig wird. Das Genre überlebt sich, gilt als tot. So ging es dem Katastrophenfilm, so ging es den Sandalenfilmen. Wer Ende der Achtziger vorgeschlagen hätte, Röcke tragende Männer durch Rom marschieren zu lassen, wäre hochkant aus jedem Studio geflogen. Als Folge gerieten Quo Vadis und Co. ins Sonntagnachmittagprogramm, die Vorstufe zum Vergessen, bis Ridley Scott beschloss, die Zeit sei reif zur Wiederbelebung, und gleich einen Meilenstein ablieferte: Gladiator schaffte es, einem ausgereizt geglaubten Genre so viel Neues hinzuzufügen, dass man von einem evolutionären Schritt sprechen kann. Alles war vertraut und dennoch neu und aufregend, Kamera, Schnitt, Musik. Der Film bestach durch eigene Ästhetik, eigene Ideen, einen bestens aufgelegten Russell Crowe, wunderbare Randfiguren und einen zum Schluchzen schönen Schluss.

Ähnliches dürfte Petersen mit dem Katastrophengenre im Sinn gehabt haben, das indes nicht halb so tot war wie Männer in Röcken, nur dass es eigentlich keine Katastrophen mehr zu zeigen gab. So ziemlich alles hatte die Leinwand erdulden müssen, Lavaströme in Volcano und Dantes Peak, Meteoriten in Deep Impact und Armageddon, Tsunamis und Tornados in The Day after Tomorrow, Genozid in Krieg der Welten und Independence Day. Andererseits schipperten mit der Freedom of the Seas und der Queen Mary II gerade ein paar bestechend gute Gründe für ein Remake über die Meere, also ran.

Erwartungsvoll greift man ins Popcorn – und stutzt:

Der Anfang, muss man sagen, ist tatsächlich grandios. Eine zweieinhalbminütige Kamerafahrt um einen völlig virtuellen, nichtsdestoweniger beeindruckend realistisch wirkenden Luxusliner, die Hoffnungen weckt auf eine rasante Neuerfindung des Stoffs. Willkommen in der Gegenwart. Erwartungsvoll greift man ins Popcorn – und stutzt. Augenblick, jetzt sind wir wieder in den Siebzigern, oder? Wie damals lernen wir im Schnelldurchgang einen Haufen Leute kennen, will sagen, werden an ihnen vorbeigezerrt. Petersen geht denselben Weg wie seine Vorgänger, scheint damit allerdings nicht glücklich zu sein. Er mahnt zur Eile, wann immer man mehr über die Figuren wissen will, sichtlich drängt es ihn, endlich seine Welle auf den Pott loszulassen, in dem einige hundert stereotyp aussehende Silvestergäste die Korken knallen lassen. Alle sind jung und schön, sodass man fast betroffen zusammenzuckt, als Richard Dreyfuss ins Bild gerät – Mann, ist der alt geworden! Unlustig schleift uns Petersen von Tisch zu Tisch und durch die Kabinen des Luxusliners, präsentiert uns zwei entsetzlich öde Teenager – vielleicht auch Twens – und einen konsterniert wirkenden Kurt Russell, der seiner Rolle als knitteriger Daddy nicht so recht zu trauen scheint. Petersen hat sich durchaus Gedanken um ein illustres Grüppchen gemacht, dem wir im Verlauf der nächsten 90 Minuten unser Herz und unsere Nerven anvertrauen sollen. Da ist ein cooler Zocker mit klasse blauen Augen. Auch ein Kind spielt mit, tapfer und vorlaut, das in dramatischen Momenten den Verkehr aufhält, nebst einer Mami mit einem Faible für blaue Zockeraugen, Sie verstehen schon. Sodann besagte Youngster, die mit Papa Kurt im Generationen-Clinch liegen, Dreyfuss als kultivierter Schwuler, vom Freund verlassen, Suizid erwägend. Außerdem ein hübscher blinder Passagier, ein schlitzohriger Schiffskoch, ein proletender Südstaatler. Den zum Beispiel würden wir gern näher kennen lernen, aber Petersen drängt – die Welle, die Welle! –, und so wird der leidige Vorspann im Affenzahn abgehakt, wie alles Weitere. Denn leider hat Petersen im Bilderrausch vergessen, was ihn einst auszeichnete: zu erzählen.

Gut, die Bilder haben es in sich. Das Schiff, die Dekors, der Ballsaal, fantastisch! Poseidon wartet mit spektakulären Schauwerten auf und hält sich im Schnitttempo wohltuend zurück. Die Welle dann, neben dem Luxusliner Co-Star des Films, rollt auf eine Weise heran, dass man geneigt ist, seinen Wohnsitz weiter ins Landesinnere zu verlegen. Für die Kollision nimmt sich Petersen quälend viel Zeit, jeder Wasserpartikel verdient einen Golden Globe, und was in und auf einem Riesenschiff passiert, das umgeworfen wird, lässt sich minutiöser kaum zeigen.Die Unterwasserbilder schließlich, als die Poseidon kieloben treibt, versinkende Menschen, brechende Aufbauten, fahle Lichter, gehören zum Gespenstischsten, was im Action-Kino bislang gezeigt wurde. Immerhin dafür lohnt die Anschaffung einer Eintrittskarte, ebenso für ein paar klaustrophobische Kammerspiele. Es gibt da eine Szene im Fahrstuhlschacht, an deren Ende man seine Fingernägel abgekaut vorfindet. Die Implosion des voll besetzten Ballsaals, als die Fenster unter dem Druck des Wassers bersten, ist beängstigend gut gedreht. Feststeckende Menschen in Lüftungsrohren, während das Wasser rasend schnell steigt, der seiner Explosion entgegenschwelende Maschinenraum, eine Welt, die Kopf steht – Petersen kennt sein Schiff in- und auswendig, er schöpft das Potenzial seines bizarren Schauplatzes kongenial aus und liefert uns atemberaubende Minispielfilme.

Klingt gut? Ist es leider nicht.

Dass nicht nur der Luxusliner, sondern der komplette Film Schiffbruch erleidet, schuldet sich Petersens Unvermögen, die Szenen dramaturgisch sauber zu verknüpfen. In den wenigen Atempausen herrscht merkwürdige Leere, als hätte den Darstellern für Dialoge kein brauchbares Drehbuch vorgelegen. Damit verschenkt Petersen die Chance, seine Charaktere nach dem hastigen Kennenlernen weiter aufzubauen, an weinerliches Vater-Tochter-Gerangel und die ewig gleichen Wie-kommen-wir-hier-raus-Sprüche. In Effekten schwelgend, fällt ihm zu seinen Figuren wenig ein, was den Film in ähnliche Schieflage bringt wie die Poseidon selber. Ihm passiert das Schlimmste, was einem Katastrophenfilm widerfahren kann, nämlich dass es uns egal ist, wer draufgeht. Fast jeder aus der kleinen Zwangsgemeinschaft bleibt ein Smith, nur dass es keinen Kirk und keinen Spock gibt. Einzig den schauspielerisch unterforderten Herrn Dreyfuss möchte man ungern ersaufen sehen. Kurt Russells triefnasige Tochter hingegen wäre auf dem Meeresboden besser aufgehoben, ebenso wie ihr tumber Verlobter. Blutleer tapern Helden und Antihelden durch das sinkende Wrack, und Klapperschlange Kurt Russell scheint auch nach einer Stunde noch nicht kapiert zu haben, warum seine angestammte Rolle von Josh Lucas gespielt wird.

Dabei hätte es so schlimm nicht werden müssen. Doch begeht Petersen seinen Hauptfehler gleich zu Anfang, indem er die witzigsten Figuren aus dem Spiel nimmt, bevor sie die leckgeschlagene Story retten können. Lucky Larry etwa, rüpelnder Südstaatler und personifiziertes Arschloch, wäre für ein paar kernige Sprüche gut gewesen, wird jedoch allzu früh von einem herumsausenden Maschinenblock zu Matsche gehauen. Auch der findige Kellner Valentin würde uns weit mehr interessieren als Kurt Russells dröger Schwiegersohn in spe, hat aber nach zehn Minuten ausgekellnert. Damit versinkt der Humor im Ozean, den diese Wasserspiele dringend gebraucht hätten. Das einzige versteckte Witzchen – dass Papa Russell mal Feuerwehrmann war – dürfte allenfalls die interessieren, die ihn als solchen in Backdraft gesehen haben, nach dem Motto: Keine Angst, ich weiß, wo’s langgeht, hab so was schon mal in ’nem anderen Film gemacht. Aber wahrscheinlich war es nicht mal witzig gemeint.

Fast durchweg bleibt Poseidon Patchwork. Manche Szenen enden wie mit dem Beil gekappt. Eben noch haben sich hysterisch schreiende Menschen einen zulaufenden Schacht hinaufgeschoben, um im nächsten Moment gesittete kleine Gespräche zu führen. Niemand scheint wirklich traumatisiert. Das Kind gerät verschiedentlich in Todesgefahr, wirkt aber zwischendurch aufgeräumt wie am ersten Schultag, sodass man wehmütig an die großartige Dakota Fanning aus Spielbergs Krieg der Welten denkt. Einige der Übergänge wirken ausgesprochen schlampig gedreht, mitunter traut man seiner eigenen Erinnerung nicht mehr – Schwiegersöhnchen, eingeklemmt, mit schlimm lädiertem Bein, wird befreit, humpelt ein Minütchen rum und läuft plötzlich wieder wie der junge Hermes. Spontane Selbstheilung? Egal. Nächste Szene.

Würde man zu Beginn des Streifens Wetten abschließen, wen es das Leben kostet, man behielte wohl Recht. In den Siebzigern etwa wäre der Quotenschwule gestorben, heute überlebt er selbstverständlich, alles klar? Die eherne Regel, dass die Alten abtreten müssen, um Platz für paarungswillige Jungspunde zu machen, hat Hollywood seit je darwinistisch geprägt und wird auch hier nicht gebrochen. Ist ja auch okay. Nur dass Petersen konservativer meuchelt als James Cameron in Titanic, der uns mit Leonardo DiCaprio die schönste Wasserleiche der Filmgeschichte schenkte, wundert dann doch. Statt sich was zu trauen, lässt er lieber im richtigen Moment ein Rettungsboot auftauchen, das mit der Wahrscheinlichkeit eines doppelten Hauptgewinns im Lotto herandümpelt, damit die allerletzten Überlebenden aus der Leinwand paddeln können.

Petersen hat ein Remake gedreht. Remakes sind schwer in Mode und bisweilen besser als das Original. Bei Petersen hingegen wird man das Gefühl nicht los, alles schon mal irgendwo gesehen zu haben. Natürlich ist die Motivik auf einem sinkenden Schiff begrenzt, und die Welle, gut, die Welle ist schon grandios, wenngleich nicht innovativ. Allerdings verplätschert sie nach fünf Minuten. Es bleibt ein eklatanter Mangel an Inspiration und Eigenständigkeit. Was die Frage aufwirft, wozu Remakes eigentlich gut sind. Vermutlich, um einem jungen Publikum Geschichten zu erzählen, die sie nicht kennen können, weil sie damals noch nicht geboren waren. Ergo sieht dieses Publikum im Remake kein Remake, sondern etwas Neues. Ein legitimer Grund, kalt Gewordenes wieder aufzuwärmen, ohne sich groß um eigene Ideen zu bemühen. Nicht würdig allerdings des Mannes, der uns in Das Boot den wahren Meereshorror lehrte.

Am Ende gerät, was wenigstens eine Verbeugung vor dem Original hätte werden können, zum Buckeln vor Bewährtem. Das wahrhaft Enttäuschende an Poseidon ist nicht, dass der Film durchweg schlecht ist – das ist er keineswegs –, sondern dass er nicht gut ist. Petersen ist in der Routine angekommen. Und Kurt Russell muss sich eingestehen, dass er aus dem Alter raus ist, in dem man Katastrophen überlebt.

Frank Schätzing wurde 1957 geboren und lebt als Schriftsteller in Köln. Furore machte er mit seinem historischen Roman "Tod und Teufel" und dem auch international gerühmten Bestseller "Der Schwarm". Zuvor hatte Schätzing als Kreativchef einer Werbeagentur gearbeitet, sowie auch als Musiker und Musikproduzent. – Vor kurzem erschien von ihm im Kölner Verlag Kiepenheuer und Witsch das maritime Sachbuch "Nachrichten aus einem unbekannten Universum. Eine Zeitreise durch die Meere".

1 Kommentar 25.9.06 09:29, kommentieren

Mit Jamie Cullum gegen wissenschaftliches Schubladendenken

Gestern war ich im hiesigen Irish Pub, den ein Freund von mir betreibt (Hallo Ingo!). Der Anlaß war die Verabschiedung einer Freundin (Hallo Lisa!) nach Spanien (Aupair). Es war sehr lustig und anregend (werde mir heute die gesammelten Videowerke dieses Spacenight-Physikers runterladen – Hallo Schimmi!).


Auf dem Rückweg lief im Autoradio ein Song. Der fing Ben Folds-mäßig an: ein solides Klavier-Strophenthema mit der Melodie im Bass. Der Gesang setzte mit Bass und Schlagzeug ein und war irgendwo zwischen J.R. Richards (Dishwalla) und James Blunt einzuordnen. Der Melodieweg am Ende der Strophe von „but I“ rauf zu „you lie“ erinnerte stark an Silverchair. Bis hierhin eine klassische amerikanische Popballade. Der folgende Refrain war im Verhältnis dazu schön schräbbelig (vor allem durch die Snare-Synkopen; schön pengpeng gegen den Rhythmus und die Melodie) und die Stimme kratzte grungig am Ende jedes Durchgangs. Nach dem zweiten Refrain kam dann eine ziemlich lange Jazzpassage. Ich weiß nicht, wie die das hinbekommen haben, aus diesem hippen Refrain innerhalb von Sekunden in die 30er Jahre zurückzureisen; aber es klang total logisch. Ebenso logisch, wie daraus wieder der Refrain entstand, der dann zu einem wilden Ende mit Punk-Schlagzeug getrieben wurde. Trotz dieser stilistischen Breite klang das Lied gar nicht nach konstruiertem Stilmix. Ich werde gleich mal auf die WDR5-Seite gehen und rauskriegen, wer das war.


Es ist nun kein Zufall, daß mir die Befreundung mehrerer Stile in einem Song so gut gefällt. Das hat wirklich schmerzhafte wissenschafts-biographische Ursachen, die mit dem Problem der Interdisziplinarität zusammenhängen (also damit, daß sich verschiedene wissenschaftliche Fachrichtungen mit der Klärung ein und desselben Phänomens befassen). Das sieht in der Regel dann so aus, daß in einem Buch oder auf einem Kongreß Wissenschaftler diverser theoretischer Herkunft sich aus ihrer spezialistischen Perspektive über das Phänomen auslassen und kein gutes Haar an den Studien (und der Herangehensweise) der fachfremden Kollegen lassen. Das wirkt bis in die feinsten Verästelungen des Studiums zurück. Wer beispielsweise, wie ich, in pädagogisch-geisteswissenschaftliche Zusammenhänge biologische und evolutionstheoretische Fragestellungen einbringt, betritt vermintes Gelände. Und zwar deshalb, weil diese Thesen in der Vergangenheit des häufigeren zu zweifelhaften Zwecken (survival of the fittest) instrumentalisiert worden sind. Das ändert aber nichts an der Korrektheit der (in diesem Fall biologischen) Aussagen. In der Praxis hat diese Aversion gegen das Fachfremde zur Folge, daß in der Biologie bereits als unumstößlich geltende Aussagen über das menschliche Gehirn noch keinen Eingang gefunden haben in Theorien eines z.B. moraltheoretisch fundierten Erziehungskonzepts. Wie aber soll man vorankommen in einem Bereich, der auf nichts anderes zielt als auf die (hier moralische) Beeinflussung der Gehirne von Kindern, dieser Bereich sich jedoch den naturwissenschaftlichen Aussagen über die Funktion dieses Organs systematisch entzieht? Dasselbe gilt übrigens für rein kognitivistisch fundierte Lerntheorien, die die Nähe zu kritischen Ansätze (daß Auschwitz nicht noch einmal sei) meiden. Meines Erachtens dürfte es zwar erhebliche Überwindung, jedoch keine großen wissenschaftlichen Schwierigkeiten bereiten, sich im operativen Bereich einig zu werden. Welche biologischen Aussagen über das menschliche Denken und Lernen lassen sich nutzbar machen für eine Erziehung gegen die Mechanismen von Auschwitz? Das wäre doch eigentlich der Stoff, aus dem sich zweihundert Dissertationen stricken ließen. In Ansätzen bin ich so einem Weg mal gefolgt und die Ergebnisse sind verblüffend. Meinen Aufsatz „Mutmaßungen über Erleuchtung und Intensität“ stelle ich in Kürze hier rein.


Fraglich bleibt, wie die verknöcherte Wissenschaftlergemeinde zu mehr Aufgeschlossenheit bewegt werden könnte. Ich glaube, das ist ein sehr langfristiges Ziel; sprich: jetzige Kinder, die später mal Wissenschaftler werden, müssen es richten. Meine Vermutung ist, daß der Einfluß von Pop (-musik, -film, -kunst) auf die Denkflexibilität erheblich unterschätzt wird. Mittlerweile hat mir die WDR5-Playlist gesagt, daß es sich bei dem Song gestern um „Catch the Sun“ von Jamie Cullum gehandelt hat. Ein bißchen mehr Jamie Cullum also auf 1Live, zu Ungunsten von vorhersehbarem Songeinerlei, und meine Prognosen würden optimistischer ausfallen. Wer interessiert hin- und nicht angewidert weghört, wenn ein Song mal eine unerwartete Wendung nimmt, der wird vielleicht auch gegen eine generelle theoretische Ablehnung des „Anderen“, „Fremden“ und vielleicht zunächst „Verstörenden“ immunisiert. Eine schöne Vorstellung, die sich – wie ich meine – nur durch Habituation (also die zur Gewohnheit gewordene Erfahrung) wird herstellen lassen. Drei bis vier überraschende Songs im Nachmittagsprogramm sind da zuwenig.

Der Philosoph und Musikwissenschaftler Markus Teglas aus Berlin (Hallo Markus!) hat ein tolles Buch geschrieben mit dem Titel: „Die Hintergehbarkeit der Sprache im Verstehensprozeß“. Seine These ist, daß man Musik nichtsprachlich (!) verstehen kann. Man versteht Musik mit Musik und eben nicht symbolisch-rational. Genau das neurowissenschaftlich zu klären und nach dem Einfluß des „Musikdenkens“ auf die Ratioentscheidungen im Gehirn zu fragen, erscheint mir als ein ebenso vielversprechendes wie ertragreiches Forschungsfeld. Jeder kennt doch zumindest den kurzfristigen Einfluß von Musik auf die eigenen Entscheidungen (Ich erinnere an Natalie Portman in „Garden State“: „Dieser Song wird dein Leben verändern.“ ). Wenn das ein Einfluß des Musikdenkens auf den „Willen“ wäre, dann müßte sich doch wissenschaftlich einiges Kapital aus biologischer Musikforschung schlagen lassen.

der dude

1 Kommentar 26.9.06 11:07, kommentieren

Zusatzseite

Für die Interessierten: Ich habe nun eine Kategorie "Aufsätze" angelegt (rechts unterhalb der "Links" auf der Startseite unter dem Punkt "Zusatzseiten" ). Die dort abgelegten (rein wissenschaftlichen) Texte sind entweder unveröffentlicht oder "noch unveröffentlicht". Nach dem Datum des Erscheinens muß ich sie wieder rausnehmen, weil mir wahrscheinlich sonst Urheberrechtsklagen wegen meiner eigenen Texte drohen. Wenn ich ein bißchen mehr Zeit und eine Rechtsschutzversicherung hätte, sollte man es auf diese pikante Situation eigentlich mal ankommen lassen.

Als ersten Text habe ich meinen, im letzten Blog erwähnten, Aufsatz "Mutmaßungen über Erleuchtung und Intensität" eingestellt. Eine Betrachtung der Holocaust-Education aus dem Blickwinkel neurowissenschaftlicher und kritisch-theoretischer Forschungen. Viel Spaß bei der Lektüre wünscht,

der dude

26.9.06 14:55, kommentieren

Feelings. Nothing more than feelings?!

Durch Zufall bin ich heute bei einer Radiosendung hängengeblieben. Es ging um die Frage, ob Roboter Gefühle haben. Leider konnte ich nur noch die letzten Sätze aufschnappen. Ich finde diese Frage höchstinteressant, weil sie zunächst nach ferner Zukunft klingt; bei näherer Betrachtung erscheint das aber sehr plausibel. In „Pi – System im Chaos“ von Darren Aronofsky (USA 1997) geht es um einen ebenso genialen wie psychisch gestörten Mathematiker. Zu Beginn des Computerzeitalters bruzzeln ihm andauernd seine selbstgelöteten Rechenmaschinen weg. Irgendwann stellt er fest, daß sie kurz vor ihrem technischen Exitus stets dieselbe Zahlenkolonne ausspucken. Er vermutet, daß es sich dabei um die Entwicklung eines minimalen Bewußtseins handelt: der Rechner registriert den eigenen kritischen Zustand, er hat in diesem Sinne ein Nahtoderlebnis. Mittlerweile sind in moderne Betriebssysteme eigens Programme für eine solche Verhinderung von Abstürzen implementiert. Das System schützt sich insofern selbst vor seinem Exitus. Will man beispielsweise eine *.exe-Datei öffnen, so wird man vom System gewarnt. Zwischen den Zeilen sagt einem das System, daß es sich um ein Programm handelt, von dem es nicht wissen kann, ob es vielleicht seine Existenz bedroht. Klingt nach Angst, oder?

In Terminator 2 wird der Roboter von dem Jungen gefragt, ob er Schmerz empfinden könne. Der Terminator antwortet: "Ich nehme Verletzungen wahr. Diese Daten könnte man Schmerz nennen." Ich finde es nicht abwegig, zu mutmaßen, ob z.B. ein Windows-System nicht auch bestimmte in ihm ablaufende Rechenprozesse als kritisch registriert. Und ein kritischer Punkt ist immer einer, in dem es um Tod oder Heilung geht. Bleibt man bei dieser Metapher der „Krankheit“, dann kann man die Diagnose eines kritischen Rechenprozesses durch ein System selbst doch durchaus als „Schmerz“ bezeichnen.

Luc Ciompi schreibt in „Die emotionalen Grundlagen des Denkens“: „Die affektgeleitete menschliche Logik ist somit im vorhinein in die Computer eingebaut.“ (S.113) Aber kann man sich damit beruhigen? Wäre es nicht (abgesehen von der ausgeschlossenen Machbarkeit) besser, Rechner hätten gar keine Gefühle? Genau um diese Frage geht es in Sphere (USA 1998, mit Dustin Hoffman, Sharon Stone, Samuel L. Jackson). Ein Forscherteam (Jetztzeit) wird mit einem Tauchboot zu einem Raumschiff, das auf dem Meeresboden liegt, gebracht. Offenbar handelt es sich um eine Zeitmaschine, weil auf der Bordwand schon meterdick Korallen gewachsen sind (woraus die Meeresbiologin schließt, daß das Raumschiff im Jahre 1709 gecrasht sein muß, weil Korallen ca. 1 Inch im Jahr an Dicke zulegen). Sie finden raus, daß in dem Raumschiff noch irgendwelche Systeme aktiv sind und dieses „System“ nimmt dann auch Kontakt mit ihnen auf. Auf einem Monitor erscheint folgende Nachricht: „Hello. How are you? I am fine. What is your name? My name is Jerry.“ Daraufhin entwickelt sich folgendes Gespräch:


Harry:

My friends, in eight thousand years of recorded history, this is a first. You are on-line with an alien intelligence.“


(on computer):

I am pleased to be in contact with your entities. I am enjoying this much.“


Ted:
I think we should tell him we're enjoying it too.“


(on computer):

"I am happy."

Barnes:

What are you thinking about, Norman?


Norman:

This last part. Where he says, 'I am happy.'“

Harry:
What's the matter, Norman? Don't you want Jerry to be happy?“

Norman:
Honestly?“

Barnes:
What's on your mind, Norman?“

Norman:
I would be happy if Jerry had no emotions whatsoever.
Because the thing of it is, once you go down that road – here's Jerry,
this emotional being, cooped up for three hundred years with no one
to talk to, none of the socialization, the emotional growth that only 
comes from contact with other emotional beings ...“

Harry:
Yeah?“

Norman:
What happens if Jerry gets mad?“

1 Kommentar 26.9.06 18:37, kommentieren

Wenn Filme Filme zitieren

Ich bin gestern angefangen, die finale Staffel „Six Feet Under“ zu schauen. Zu meiner großen Freude wurde in der zweiten Folge von einem meiner Lieblingsstilmittel Gebrauch gemacht: dem Filmzitat im Film.

Bei „Six Feet Under“ haben die Regisseure ja schon des häufigeren dieses Stilmittel eingesetzt. Beispielsweise als Nate mit seinem Bruder Dave minutenlang in dieser HAL-9000-Stimme aus Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ redet. Der Gesprächspartner von HAL hieß ja auch Dave (David Bowman). Nate: „Good morning, DAVE.“ „Are those the same clothes you had on last night, DAVE?“ ... „I sense you're not being completely honest with me, DAVE.“

Kaum zu überbieten finde ich diesbezüglich die „Tacker-Szene“ in einer der frühen Sopranos-Staffeln. Die Szene aus „Der Pate“, in der Michael Corleone (Al Pacino) in einem kleinen Restaurant den korrupten Polizisten McCluskey und den italienischen Drogenhändler Solozzo erschießt, dürfte ja bekannt sein. Vorher ist er von Clemenza gebrieft worden, wo die Waffe versteckt ist und daß er sie hernach am Tatort fallenlassen soll. Und dieses berühmtgewordene Fallenlassen der Waffe spielt Tony Soprano täuschend echt nach. Allerdings hat er niemanden erschossen, sondern mit einem Handtacker dessen Anzug an seinem Körper befestigt.

In der „Six Feet Under“-Folge, die ich gestern geschaut habe, wird dieses Stilmittel des Filmzitats richtig auf die Spitze getrieben. Dave und Keith wollen ein Kind haben und suchen eine Leihmutter. Damit das Kind einen genetischen Teil von Dave und einen von Keith bekommt, hat Keith sich überlegt, daß er den Samen spendet, der dann zusammen mit Eiern von Daves Schwester Claire der Leihmutter implementiert werden soll. Dann folgt eine sehr psychedelische Traumsequenz, in der Dave das Vorhaben metaphorisch durchspielt. Er steht wie bestellt und nicht abgeholt in einer schrillen „Wizard of Oz“-Kulisse (Filmzitat 1). Keith kommt auf einem roten Traktor angefahren, hält vor einem Baum und sagt: „I am the eggman.“ Dave fragt total verstört: „Cookookajoob?“ (Filmzitat 2: Das Beatles-Video zu „I am the Walrus“ ). Claire gibt Dave einen Korb voller Eier und haut mit Keith auf dem Traktor ab. Dave schaut in den Korb. Es liegt ein hässliches Horrorbaby drin und krächzt: „Dad!“ (Filmzitat 3: „Eraserhead“ von David Lynch). GENIAL!!!

der dude

1 Kommentar 27.9.06 13:08, kommentieren

Plädoyer für die Mittelmäßigkeit oder: die nicomachische Ethik

Gestern überraschte mich mein Freund der Schauspieler Nico Venjacob mit einem Besuch (bekannt aus Filmen wie „Ohne Pass in die Schweiz“ ). Ich weiß nicht mehr, wie wir drauf kamen, jedenfalls erzählte er mir von dieser „pro Ana“-Bewegung. Die war mir bis dato völlig unbekannt. Mir sind zwar ein paar blogs aufgefallen, die sich nur um Essstörungen drehen und meist von 14-jährigen Mädchen geschrieben werden. Aber ich habe nicht an eine Jugendbewegung geglaubt. Ich vermute zwar, daß ich der Einzige bin, der davon noch nichts mitbekommen hat. Trotzdem der Erklärung halber: pro-ana ist die sektenhafte Verlifestylung von „nervöser Anorexie“ (Magersucht). Es gibt ein Manifest („Brief von Ana“: „Erlaube mir, mich vorzustellen. Mein Name ist ... Anorexie ..., aber du kannst mich Ana nennen. Ich hoffe, wir werden gute Freunde.“ ), ein Glaubensbekenntnis („Ich glaube an die Waage als meinen täglichen Indikator von Erfolg und Niederlage.“ ) und auch zehn Gebote („Dünn sein ist wichtiger als gesund sein.“ ). Zusammen mit den verstreuten Tips und Tricks ergibt sich ein das ganze Leben bis in die kleinsten Kleinigkeiten strukturierender Leitfaden, der quantitativ dem jüdischen Talmud in nichts nachsteht.

http://www.zweipage.de/text_73355179_15154782_47432075_deutsch.html


Es ist leicht, bestürzt zu sein über die Verrücktheit der Anhängerinnen oder die gesellschaftlichen Ursachen ihres Verhaltens. Gerade das finde ich jedoch ziemlich verlogen. Im Grunde folgen die Pro Ana-Jüngerinnen doch nur sehr stringent dem Fetisch, nicht „mittelmäßig“ zu sein (sondern „extrem“ ). „Mittelmäßigkeit“ ist so ziemlich das letzte Attribut, das man mit seiner Person verbunden sehen möchte. Überall wird enthusiastisch das Genie von Personen gepriesen, die sich aus einer Masse hervorgehoben haben (Einstein, Cobain usw.). Wer aber setzt sich für die Mittelmäßigen ein? Es gibt schlicht keine Mittelmäßigkeits-Lobbyisten; keiner der sagt: Mittelmäßigkeit ist ein erstrebenswertes Lebensziel, oder: Ich wünsche mir, daß meine Kinder mal total mittelmäßig werden. Wer sowas sagt, macht sich zum Lifestyle-Außenseiter. Gerade wer mittelmäßig sein möchte, ist der große „Ungewöhnliche“. „Gewöhnlichkeit“ und „Mittelmäßigkeit“ sind heute ein begriffliches Gegensatzpaar. Wer sich also mal so richtig aus der Masse abheben will, bekennt sich zur Mittelmäßigkeit. Man könnte fast sagen: mit einer bewußt gesuchten Mittelmäßigkeit hört man auf mittelmäßig zu sein. Mittelmäßigkeit ist wahrscheinlich von allen denkbaren Lebensformen eine der extremsten.


So betrachtet könnte man im Hinblick auf die Pro Ana-Bewegung zu folgender Auffassung gelangen: Die Welt da draußen ist was für Bekloppte, in der nur der Mittelmäßige halbwegs gesund bleiben kann. Gibt es aber eigentlich sowas wie eine „Philosophie der Mittelmäßigkeit“; so einen Pro Ana-mäßigen Leitfaden für ein mittelmäßiges Leben? Ja, gibt es. Und verrückterweise heißt sie so wie mein Freund Nico, der das Pro Ana-Thema gestern ins Rollen gebracht hat: „Die nikomachische Ethik“ von Aristoteles (4. Jahrhundert v.Chr.). Aristoteles ist der Auffassung, daß ein gut geführtes Leben darin besteht, in allen Handlungen die „Mitte“ zwischen Extremformen zu treffen. Tapferkeit z.B. ist für ihn die Mitte zwischen Feigheit und vernunftloser Tollkühnheit. Das wird dann für alle Lebensbereiche durchdekliniert und er spart auch die richtige Ernährungsweise nicht aus (zwischen Hungern und Völlerei).


Was man gegen ein mittelmäßig geführtes Leben einwenden könnte, wäre seine Tendenz zum Mitläufertum. Aber erstens habe ich bereits drauf hingewiesen, daß man ja alles andere als ein Mitläufer ist, wenn man sich zur Mittelmäßigkeit bekennt. Andererseits könnten so wahnsinnige Entwicklungen wie z.B. der Nationalsozialismus gar nicht erst entstehen, in denen Mitläufertum negativ konnotiert ist.


Deshalb zum Abschluß der, wie ich finde, mehr denn je notwendige Appell an alle Mittelmäßigen. Erteilt von dem mittelmäßigen Komponisten und Mozart-Widersacher Antonio Salieri (aus „Amadeus“, Regie: Milos Forman, USA/1984):

Ich spreche für alle Mittelmäßigen auf dieser Welt. Ich bin ihr Beichtvater. Ich bin ihr heiliger Schutzpatron! Ihr Mittelmäßigen überall: Ich vergebe euch! Ich erteile euch Absolution!“

der dude

4 Kommentare 28.9.06 11:47, kommentieren

Neues Header-Bild

Meine Freundin Silke aus Kanada hat mir vorgeschlagen, hier im blog mehr Bilder (also überhaupt welche) einzustellen: für "visuelle Charaktere", wie sie schrieb. Dem komme ich natürlich gern nach und habe das vorgegebene Headerbild durch ein neues ersetzt. Es handelt sich um "Das Floß der Medusa" von Théodore Géricault. Darauf sind die Schiffbrüchigen der im Jahr 1816 gekenterten Fregatte Méduse zu sehen. Sie wurden von der unfähigen und egoistischen Crew (die lieber die Rettungsboote genommen hat) auf dem Wrack zurückgelassen. Sie haben sich aus den Schiffstrümmern ein Floß gezimmert und sind schon nach 13 Tagen an der Küste angekommen. Sie hatten nicht so viel zu essen und zu trinken mit, weshalb es zu Kannibalismus und dem Genuß von Exkrementen kam. Von den 147 Gestarteten kamen komischerweise nur 15 lebend an. Das Bild hält den Moment fest, indem die Floßfahrer die rettende Brigg Argus am Horizont entdecken. Die Welle, die von links anrollt, wird aber nochmal die Besatzung dezimieren. Ich hoffe, hiermit allen "visuellen Charakteren" entgegengekommen zu sein.

Den "textuellen Charakteren" lege ich den neuherausgegebenen Bericht zweier damaliger Überlebender ans Herz. Es ist ein Thriller sondergleichen:

Alexandre Corréard und Jean-Baptiste Henry Savigny: Der Schiffbruch der Fregatte Medusa. Berlin (Matthes&Seitz) 2005, 253 Seiten, gebunden für 22,80 €.

der dude

3 Kommentare 28.9.06 20:22, kommentieren