Wenn Abkürzungen zum Problem werden

Bei Southpark wurde die Mehrfachbedeutung mancher Abkürzungen ja sehr schön anhand von MBLA verdeutlicht: das stand einerseits für einen „Marlon Brando Lookalike“-Wettbewerb, andererseits für die „Man Boy Love Association“. Beim Browsen durch just upgeloadete Torrents stieß ich heute auf eine offensichtlich sehr beliebte Datei namens „AVHC.avi“. Ich wollte wissen, was sich dahinter verbirgt, also „avhc“ gegoogelt. Ich hatte nun die Qual der Bedeutungswahl zwischen (in der Reihenfolge des Google-Rankings):


1) Anderson Valley Health Center,

2) American Veterans Heritage Center,

3) Advanced Veterinary Healthcare Communications,

4) Association des Victimes de l´Hormone de Croissance,

5) Amish Viking HardCore (!!!),

6) Australian Veterans Hockey Championship,

7) Arabian Valley Horse Club,

8) Acute viral hemorrhagic cystitis,

9) Aortic Valved Homograft Conduits,

10) Associação do Voluntariado do Hospital de Clínicas do Pará,

11) Arc Voltage-torque Height Control,

12) Anti Virus Host Computer,

13) Angular variation of horizontal cells,

14) Acute Viral Hepatitis C,

15) Almond Valley Heritage Centre,

16) Acute Viral Haemorrhagic Conjunctivitis,

17) Audubon Villas Apartment Ratings,


Man stelle sich vor, dass ein Arzt bzgl. der Behandlung eines Patienten, der ihm mit der Diagnose „AVHC“ überwiesen wurde, die Wahl zwischen mindestens vier Krankheitsbildern hat.

Demgegenüber male ich mir ein interdisziplinäres Treffen aller AVHCler in den grellsten Farben aus; dürfte eine lustige Veranstaltung werden.

Ich hab die Datei dann einfach trotzdem runtergeladen. Und – ÜBERRASCHUNG: natürlich war es ein Porno. Der ist dann auch noch die Erklärung schuldig geblieben, warum er sich „avhc“ nennen darf.


der Dude – Ritter der Schwafelrunde


p.s. Wenn man sich so lange bei irgendwem nicht gemeldet hat, dass es peinlich wird, sich zu melden, weil man dann tausend Gründe angeben müsste, warum, die natürlich alle nicht ziehen, weil nichts soviel Zeit klauen kann, als dass man sich nicht zwischendurch doch hätte melden können, dann kann man, wenn man sich über den Weg läuft, einfach so tun, als wär nix gewesen. Ich bin wieder da.

5 Kommentare 16.11.07 13:13, kommentieren

Spanner-Geschichte

Wenn ich in Berlin bin, stöbere ich gern in den alten Photoalben im Zille-Hof. Das ist so eine Halle, wo man Zeugs aus Wohnungsauflösungen kaufen kann. In manchen Alben sind die Photos noch drin. Über Familien, die wenig photographiert haben, kann man anhand eines Albums, wenn man genau hinschaut, so einiges erfahren. Da quillt das Gesicht des Vaters immer mehr auf und auf einmal sitzt da bis zum Ende des Albums ein anderer Mann auf dem Sofa. Heftig! Beim letzten Mal war auch eine Zeugnismappe dabei. Ein Einserschüler mit jüdisch-klingendem Namen geht in den frühen 30er Jahren auf eine Schule, auf der Hebräisch unterrichtet wird. Dann wird die Schule umbenannt, es wird kein Hebräisch mehr unterrichtet und seine Noten reichen nicht für einen Abschluß. Gekauft habe ich dann ein Album, in dem eine Familie 1953 wahrscheinlich ihren ersten Urlaub nach dem Krieg macht. Wenn man die Bilder aus ihrem Albumzusammenhang löst und sie sich einzeln anschaut, dann sehen sie richtig künstlerisch aus, finde ich. Teilweise auch ein bißchen creepy - das mit dem hochgehobenen Rock hat echt Cover-Qualität. Ich liebe solche Sachen, an denen Geschichte klebt.



der Dude – Ritter der Schwafelrunde

3 Kommentare 18.6.07 14:02, kommentieren

Ja, aber ...

Mir geht in letzter Zeit verstärkt eine bestimmte Gesprächshaltung auf den Geist. Es wird (sei es um ein Thema am laufen zu halten, das längst durch ist oder nur um die einfältige Vielfalt der eigenen Ideen zu dokumentieren) an allem und jedem rumjaabert. Es ist ja schön und gut, wenn man der Sicherheit halber auch mal negativ denkt. Aber so als allgemeine Reaktion auf alles? That´s when I reach for my revolver. Diese Haltung muß nichtmal ausgesprochen werden, man merkt es schon, wie der Gegenüber „Mmhh“ und „Ja“ sagt. Jede Äußerung wabert in diesem Ich-will-Haare-in-der-Suppe-finden-Soundbrei. Ich hab´s schon oft erlebt, daß wenn sich eine Gruppe über die Lösung eines bestimmten Problems einig ist, immer irgendwer noch mit irgendeiner megaschlechten Alternative um die Ecke kommt, nur weil sie noch nicht ausgesprochen worden ist. Und dann geht der ganze Scheiß wieder von vorne los. Vorhin meine Mutter: Es ging um einen Sommerschlafsack, den ich zur Zeit verfertige. Er besteht aus nichts anderem als einer Microfaserdecke, die mit einem dünnen Baumwollsatin zusammengesteppt werden soll. Erst wurde nach tausend Möglichkeiten gefahndet, wie das nähtechnisch scheitern könnte. Als sich das alles als totaler Unfug herausgestellt hatte, wurden die scharfen Geschütze der Unlogik aufgefahren. Vorgeschichte: Anstatt von zwei Schlafsäcken und zwei Luftmatratzen, packe ich in diesem Jahr nur eine selbstaufblasbare Doppelisomatte und das besagte Microfaser-Baumwolldeckchen in meinen Koffer. Hinzu kommt (wie im letzten Jahr) das Zelt. Jetzt wurde mir prophezeit, dass ich mit dieser Füllung über das 20kg-Limit von AirBerlin kommen würde. Ich dachte: aus der Nummer kommst du ja schnell raus, ist ja krass unlogisch, weil ich diesen ganzen Zirkus (Doppelisomatte kaufen, Sommerschlafsack nähen) ja eigens wegen Platz- und Gewichtsspargründen veranstaltet habe. „Äh, das Zelt wiegt 4kg, also habe ich noch 16kg für Isomatte, Decke und Koffer. Sollte reichen, denke ich.“ Das hält aber die Herren und Damen der Jaaber-Fraktion nicht davon ab, weiter rumzujabern, wo es nach den Gesetzen der Logik gar nichts zum jaabern gibt. Ich musste echt diesen ganzen Scheiß zusammensuchen (vor allem den Koffer aus so einer Jerry Lewis-Slapstickkammer – Wohnung aufgeräumt, alles in ein Zimmer gestopft, jemand macht die Tür auf: Lawine) und auf die Waage stellen. Ergebnis: 8 Kilo! Ich war völlig stolz. Meine Mutter unzufrieden. Ich bin mir ziemlich sicher, es ist noch nicht vorbei.


der Dude – Ritter der Schwafelrunde

4 Kommentare 18.6.07 11:52, kommentieren

Confessions of our dangerous minds


Nach der Bewerbungsunterlagennervung habe ich mich erstmal beim Online-Beichthaus entspannt. Ich kenne die Site erst seit ein paar Tagen, wahrscheinlich findet sie jeder andere schon seit 5 Jahren langweilig. Leider sind diese öffentlichen Beichten ziemlich arg mit krassen Lügengeschichten der Sorte „Habe meine Schwester geschwängert, aber mein Vater denkt, er wär´s gewesen“ durchsetzt. Aber es sind auch echte Perlen dazwischen. Z.B. der WG-Typ, der seinen Mitbewohner nicht dadurch kränken will, daß er ihm gesteht, wie bescheuert er ihn findet, sich dann aber alternativ allmorgendlich mit dessen Zahnbürste am Hintern kratzt. Oder ein Systemadministrator der Telekom, der beichtet, daß er extra irgendwelche Bugs ins System einbaut, um sich dann für deren Behebung von Kollegen feiern und bestechen zu lassen. „Unter großem Tamtam ziehe ich dann lautstark durch die Büros und bekämpfe die "Fehlfunktionen". Manchmal lass ich mich auch von einigen Leuten beschenken, damit ich sie bevorzugt behandele. Das geht von kleinen Süßigkeiten bis zu neusten Mobilfunkgeräten. Dadurch verbringe ich so schon den halben Arbeitstag. Den Rest der Zeit surfe ich privat im Internet, ziehe Pornos und Raubkopien bei Emule, und flirte mit den weiblichen Wesen der Abteilungen. Für diese Glanztaten bekomme ich eine monatliche Schmerzensvergütung von ca. 3000,-€. Ich verstehe gar nicht, warum meine anderen "Kollegen" in letzter Zeit alle streiken.“ Meine persönliche Vorliebe ist und bleibt allerdings die Kurzform. Z.B. „Ich bin Busfahrer und spreche mit Absicht die Namen der Haltestellen falsch und undeutlich aus.“ oder „Ich, weiblich, unverheiratet, sehr ansehlich, war kacken. Gestunken hat es auch.“ Jemand anderes macht sich Vorwürfe, weil er in einem Dönerladen einen Aschenbecher geklaut hat und eine Woche später mußte die Bude dichtmachen. Manche Dinger sind so krass daneben, dass sie schon wieder lustig werden: „Ich knall meine Süße auch, wenn sie ihre Tage hat. Was muss, dass muss! Denn: Nur ein tapferer Pirat sticht auch ins rote Meer! Jungs, merkt euch meine Worte! Ran an die Alte, die ist dann bestimmt rattiger als sonst und so schlimm ists ja auch nicht.“ Bin immer froh, wenn ich was von Leuten lese, die noch primitiver sind als ich.


der Dude – Ritter der Schwafelrunde

3 Kommentare 15.6.07 16:01, kommentieren

"Er hätte eine Peitsche genommen und sie ihm in die Fresse geschlagen." (Kinski über Jesus)

Ich hab vor ein paar Jahren einen Roman gelesen, der fängt damit an, daß der Erzähler von einem Reagenzglas voller Säure berichtet, daß er immer bei sich trägt und ganz gespannt ist, wem er es wohl mal ins Gesicht schütten wird. Ich bin mir ziemlich sicher, daß dieser geniale Anfang eine Aufarbeitung der Rauchentwöhnung des Autors ist. Ich möchte nämlich auch jedem, der mir nicht den Arsch küsst, sofort in die Fresse schlagen; und wer nervt, der wäre mit der Reagenzglasaktion noch gut bedient. Die Programmierer der Online-Bewerbung für den Vorbereitungsdienst an Schulen (SEVON) sollten sich besser von mir fernhalten, wenn sie von ihren Verwandten noch erkannt werden wollen. Und wo wir grad dabei sind: Warum kostet ein polizeiliches Führungszeugnis 13 Euro Gebühren, obwohl nur Daten von einer Behörde zu einer anderen übermittelt werden (kein Blatt Papier wird verschwendet, keine Bearbeitungszeit für Stempeleien und sowas in Anspruch genommen)? Warum kann man in der vielbeschworenen Netzwerkgesellschaft eine Geburtsurkunde nur postschriftlich beim Standesamt des Geburtsortes beantragen, wo doch die Führungszeugnisaktion unter Beweis stellt, daß es auch anders geht? Warum erfährt man erst am Ende der Online-Bewerbungsprozedur, daß man die Unterlagen (Zeugnisse usw.) innerhalb von sieben Tagen nach Antragsstellungsdatum einreichen muß? Ich brauche nicht zu erwähnen, daß diese Maßgabe mit der Beantragung meiner Geburtsurkunde unvereinbar ist. Ich würd jetzt gern ein bißchen vögeln. So reagiere ich momentan auf alles. Ist glaube ich Suchtverlagerung.


Der Drang rauszuwollen nimmt unendlich zu. Der Globetrotter-Katalog ist mein Porno-NumberOne zurzeit. Leider ist die Reise erst im nächsten Jahr möglich. Wenn´s nach mir geht: Mit dem Bus von Berlin nach Oslo (83 Euro) und von da mit Fahrrad samt Anhänger die Südfjorde abklappern. Zelten: wild, wegen billig und erlaubt. Ich fange jetzt schon an Ausrüstungsgegenstände zu kaufen, weil man sich das auf einen Schlag ja gar nicht leisten könnte. Dann breite ich diese Gegenstände vor mir aus, baue sie auseinander und wieder zusammen, bastle an ihnen rum (neue Schnüre und Leinenspanner ans Zelt etc.) und das ist dann so ein bißchen wie jetzt schon unterwegs. Eigentlich krank, daß man sich danach sehnt sich den ganzen Tag abzuquälen, um sich abends bei aufgewärmtem Konservenfraß in den Dreck setzen zu können. Das sollte man mal einem Spargelstecher erzählen. Find ich übrigens cool von den Polen, daß die jetzt die mindestlohnablehnenden deutschen Bauern im Regen stehen lassen, weil sie in England und Schottland das Doppelte verdienen. Jetzt jammern sie rum wie die Pastorentöchter, die Ausbeuterbauern, daß der Spargel schon Licht kriegt. Bauern kann ich eh nicht ab, die sind alle dumm, brutal, haben ein Wurstgesicht und glauben trotz ihrer eigenen Erscheinung an die Schöpfung. Vielleicht haben sie Recht und Gott war einfach ein Bauer wie sie. Könnte einiges erklären. Egal, sie regen mich doppelt auf, weil die Sache mit dem Reagenzglas zu keinen nennenswerten Veränderungen führen würde.


Gibt aber auch Erfreuliches zu berichten. Meine erste Veröffentlichung ist soeben erscheinen. Zwar nur ein Essay in einem Sammelband, den nur die Autoren selbst lesen werden. Aber erstens: fünf Minuten Popstarfeeling ist auch o.k. und zweitens: es gibt ne Erscheinungsparty (oder wie man das nennt). Da auch hochrangige Entscheidungsträger zugegen sein werden, rechne ich mit Koks und Nutten bis zum Abwinken. Falls ich mich irre, dann ist das der indirekte Beweis dafür, daß die Leute eigentlich doch nicht richtig was zu sagen haben.


der Dude – Ritter der Schwafelrunde

3 Kommentare 15.6.07 13:36, kommentieren

Unwissen schützt vor Strafe nicht

Ich grüble schon seit einigen Jahren über die Frage, wie unser Zusammenleben trotz der Tatsache halbwegs funktioniert, daß sich kaum jemand mal intensiver mit den Gesetzen befaßt hat, gegen die er im Alltag so verstoßen könnte. Ich meine nicht die schlimmen Sachen wie Mord oder, Gott bewahre, anderen mit dem Einkaufswagen in die Hacken fahren, sondern mehr so Grauzonengeschichten. Dann lese ich sowas und bekomme Angst. Wenn ich ein Bild von jemand anderem blogge, dann denke ich: "Pass auf, Alter. Ich verlinke in dem Beitrag deine Seite, dann haben wir beide was davon. Ich dein tolles Bild, und du den tollen Zusatztraffic." Diese Abmachung ist natürlich rein virtuell. Ich frage denjenigen nicht wirklich, sondern halte den Deal aus seiner Perspektive für so genial, daß ich sein Einverständnis einfach als gegeben annehmen muß. Wie man sieht kann einen diese Naivität schnell 884,81 Euro kosten. Jetzt mal ernsthaft: das ist doch nicht gerecht! Wenn das Gerechtigkeit ist, dann hätte der Staat, der dieses Recht spricht doch vorher in irgendeiner Weise dafür Sorge tragen müssen, daß seine Bürger bescheidwissen über die rechtliche Lage. An Rechtsunterricht kann ich mich in meiner nicht grad kurzen Bildungslaufbahn aber nicht erinnern. Klar, Urheberrechtsgeschichten sind heftig in den Medien, aber der Normaluser bezieht das doch eher auf Musik- und Filmdownloads. Da kann man sich nicht mehr naiv stellen, von wegen: hab ich nicht gewußt daß das illegal ist. Spielt ja auch eh keine Rolle, weil offensichtlich davon ausgegangen wird, daß jeder sich tiefgehend mit den rechtlichen Grundlagen seiner Handlungen vertraut gemacht hat.
Meine These, warum es zwischen uns doch noch halbwegs friedlich zugeht, ist, daß dafür nicht die Gesetze verantwortlich sind, sondern so eine Art Rechtsempfinden. Jeder weiß doch schon irgendwie was geht und was ein echtes Scheißverhalten ist. Man kann sich dann natürlich trotzdem wie ne Wildsau benehmen, muß dann aber im Falle des Widerspruchs von Zeitgenossen (und sei es nur im stillen Kämmerlien) zugeben, daß man nicht der Korrektesten einer war. Solche Fälle ereignen sich täglich millionenfach und kein Anwalt kann daran was verdienen. An sowas gewöhnt man sich als netter Mensch und denkt, wie im obigen Beispiel, daß mit der Verlinkung der Quelle und unkommerziellen Absichten alles in Butter wäre. Aber mit sozial ist nicht mehr, wenn die rechtsstaatlichen Mühlen ans laufen kommen; auch gute soziale Argumente kann man dann vergessen.
Ich wünsche mir so eine Art Bosman-Urteil, einen Präzendenzfall, bei dem rauskommt, daß Unwissen doch vor Strafe schützt, wenn feststeht, daß der Staat seiner Belehrungspflicht (gibt´s die?) nicht nachgekommen ist. Bis dahin werd ich erstmal alle Bilder löschen, die sich hier angesammelt haben. Weil multipliziert mit 884,81 Euro ...
Ganz nebenbei halte ich so Leute, wie diese Photographin für ganz üble Verpester unserer Soziokultur. Nur weil man an irgendwas das Recht hat muß man doch nicht jeden armen Blogger verklagen. Wenn die BILD-Zeitung ihr Photo unerlaubt abgedruckt hätte, gut. Aber so einem Idealisten das Geld rauszusaugen. Ekelhaft!
 
der Dude - Ritter der Schwafelrunde

4 Kommentare 29.5.07 22:14, kommentieren

Ich will aber keinen Penis

Ich bin seit ewigen Zeiten auf der Suche nach einem Backblech für längliche Madeleines (dieses französische Gebäck). Jetzt habe ich mich eine halbe Stunde durch die Kategorien des backformen-shop.de gewühlt. Ein Madeleines-Blech in der von mir gewünschten klassischen Forfm war nicht dabei (nur ein als Madeleinesblech ausgegebenes Muffinblech). Dafür aber das hier. Ist das nicht merkwürdig? Wenn es das zusätzlich gäbe, wer würde sich drüber aufregen? Aber wenn es sowas nur auf Kosten von nützlicheren Dingen gibt, dann muß man sich schon mal die ein oder andere Frage stellen. Z.B. ob die Pornographisierung des Alltags mittlerweile soweit fortgeschritten ist, daß die Käuferschicht der Backsexomanen die Hausfrauenfraktion übersteigt.
 
der Dude - Ritter der Schwafelrunde

4 Kommentare 29.5.07 10:58, kommentieren

We are (not) from the Mittelstand

Was an Schach total nervt ist dieses ranzige Mittelschicht-Credo. Daher war ich von den New York Outdoor-Szenen in „Searching for Bobby Fischer“ (u.a. mit Laurence Fishburne, Ben Kingsley, William H. Macy) sehr angetan. Einige Residents an den Steintischen am Washington Square haben sich dem Schach während längerer Haftstrafen zugewandt, koexistieren mit einer veritablen Drogenszene und spielen immer um Geld (gern gegen Touristen mit Zeitvorgabe: 5 gegen 15 Minuten oder 1 gegen 5 Minuten). Im Gegensatz zu der bekannten Schweigepflicht beim Schach beschimpfen die sich da in einer Tour. Schön dokumentiert im folgenden Video. Meine Lieblingsstelle: „Excuse my expression but sometimes we have to emphasize the fact that we have 20 seconds to play a chess game against an idiot!“

Etwas romantischer stellt sich dieselbe Szenerie im NewYorkPhotoblog und bei Parkchess dar.

Eine Verabredung zum Boulespielen im Central Park hab ich schon. Und manche von den Schachspielern (z.B. ein "Chess Rabbi" ) sind online zu erreichen. Nur für den Fall, dass mich die normalen Amis irgendwann in den Wahnsinn getrieben haben, was ziemlich sicher so eintreten wird.

der Dude - Ritter der Schwafelrunde

1 Kommentar 27.5.07 19:43, kommentieren

Der Sand als Wille und Vorstellung

Bin in Berlin in „Spiderman 3“ gewesen. Diesmal keine nennenswerten Störungen trotz Sonntagnachmittag-Kindervorstellung. Es war zu schönes Wetter, die Blagen waren alle am Wannsee, sich mit Zerkarien-Dermatitis infizieren. Der Film ging. Gestört haben mich die teilweise zu hektischen Verfolgungsjagden. Da wußte man nicht mehr, wer da jetzt wen gehauen hat. Außerdem war Kirsten Dunst eine penetrante Dauernervung. Nix mehr mit „Schnapp sie dir, Tiger“, sie will nur noch Beziehungsgespräche führen, die alte Bremse. Außerdem hat sie nicht einmal ein enges Oberteil an, was ihren Zicken-Auftritt noch überflüssiger macht.

Völlig fasziniert hingegen war ich von diesem „Sandman“. Ein Typ ist auf der Flucht vor den Bullen und „rettet“ sich auf ein umzäuntes Testgelände (hab mal ein Bild gesehen, das hieß: Ertrinkendes Mädchen rettet sich ins Feuer; aber das nur am Rande). Dort gerät er in eine Demolekularisierungsanlage: eine etwa 5 Meter tiefe Betonschale mit Sand auf dem Boden und stabförmigen Strahlendingern oben drübber. Er wird dann nicht so richtig demolekularisiert (also einfach aufgelöst), sondern die Molekülstruktur seines Körpers verschmilzt mit der Molekülstruktur von dem Sand. Dann kommt die für mich beste Szene des Films: seine Auferstehung aus dem Sandhaufen. Zunächst zeichnet sich nur sein Rücken ab, dann versucht er sich zu erheben, die Figur nimmt langsam menschliche Züge an. Aber es klappt noch nicht so richtig: die Beine rieseln ihm weg, er will ein Amulett aufheben, kann aber seine Sandhand nicht genug verhärten usw. Nachdem er ein bißchen geübt hat, geht das dann aber doch, bis er letztlich wieder so aussieht wie vor der Strahlenaktion, obwohl er ja nun aus nichts besteht als aus Sand. (Ganz so wie die Mahavishnu-Orchestra-Metapher: Von der „inner mounting flame“ zur „birds of fire“ ). Jedenfalls ist er jetzt ein Wesen, dessen physikalische Körperlichkeit nicht von evolutionär entstandenen Zellstrukturen zusammengehalten wird, sondern nur von seinem Willen.

Das hat mir zu einer wichtigen Einsicht in puncto Schach verholfen. In meinen Büchern steht, dass eine Stellung, die über wesentlich weniger Material verfügt als die des Gegners, durchaus gewinnen kann, wenn sie nur gut koordiniert ist. Also wenn die Figuren besser zusammenspielen. Man muss nur wie der „Sandman“ versuchen, nicht die einzelnen Figuren (Sandkörner) zu sehen, sondern die Ganzheit des weißen oder schwarzen Schachkörpers. Dieser Stellungskörper beruht wie beim „Sandman“ einzig auf dem Willen des Spielers. Für einen guten Schachspieler ist das keine Neuigkeit, aber für einen wie mich, der bisher nur auf die Drohungen, Bedrohungen und Deckungen einzelner Figuren geglotzt hat ... Problematisch scheint mir nur das Spiel des Gegners zu sein, denn die Formgebung der eigenen Stellung wird ja von ihm ziemlich beträchtlich beschränkt. Entweder sind das dann die naturgesetzlichen Grenzen, an die sich der „Sandman“ ja auch halten muß, oder man muß die gesamte Stellung (schwarz und weiß ) ebenfalls ganzheitlich betrachten. Für diese esoterische Sichtweise gibt es Anhaltspunkte in der sechsten Sopranos-Staffel:


Tony ist im Krankenhaus, nachdem sein Onkel ihn angeschossen hat. Er ist auf dem Weg der Besserung und verbringt den Abend mit ein paar seiner Jungs und dem Raketenwissenschaftler John auf dem Zimmer eines Rapstars. Sie schauen sich einen Boxkampf an:


Paulie (sieht wie der eine Boxer übel einstecken muß ): It's a life of abuse.


John: Well, he´s a boxer.


Paulie: It's the same for everybody. (Und dann zu Tony ) Look at you, T. You do your uncle a kindness, you get shot for your efforts. You think you got family, but in the end, they fuck you, too. (...) I tell ya, we, each and every one of us are alone in the ring, fighting for our lives. Just like that poor prick. (Zeigt auf den Boxer)


John: Well, that's one way to look at it.


Paulie: You got a better one?


John: Don't get me started. It's complicated ...


Paulie: Think I'm stupid?


John: Well, it ... It's actually an illusion those two boxers are separate entities.


Paulie: What the fuck?


John: The separate entities; it´s simply the way we choose to perceive them. It's... it's physics. The boxers, you, me... we're all part of the same quantum field. Think of the two boxers as ocean waves or currents of air. Two tornadoes, say. They appear to be two things, right? Two separate things? But they're not. The tornadoes are just wind, the wind stirred up in different directions. The fact is, nothing is separate.


Auf Schach bezogen hieße das, man müsste nicht nur zusehen, der eigenen Stellung einen kraftvollen Körper zu verleihen. Sondern man müßte mittels dieser Kraft die Formgebung der komplexen Stellung anstreben: die eigene und gegenerische Stellung als zwei Teile einer ganzheitlichen Physis begreifen, die es zu den eigenen Gunsten zu formieren gilt. Bei den richtig guten Spielern scheint das in der Tat so abzulaufen. Jedenfalls haben in einer Kasparov-Doku seine Assistenten verlauten lassen, dass er im Gegensatz zu Amateuren „rückwärts“ denkt. Er stellt sich eine zukünftige, für ihn günstige Gesamtstellung aus und fragt sich dann, wie er spielen muß, um dem Gegner gar keine andere Möglichkeit zu lassen, als dahin zu ziehen, wo er ihn hinhaben will.


Ich glaub der Putin ahnt nicht, daß er sich schon in so einem Ablauf befindet. Er kann ihn nicht einfach vor den Augen der Welt der demonstrieren lassen. Setzt er ihn fest, dann wird’s PR-mäßig aber noch schlimmer. Gegen einen Märtyrer hat man wahlkampfmäßig überhaupt keine Chance mehr. Vielleicht war Anna Politkovskaja nur ein notwendiges Bauernopfer, um Angriffslinien zu öffnen.


der Dude – Ritter der Schwafelrunde

3 Kommentare 22.5.07 09:35, kommentieren

Drei Irre unterm Flachdach

Wir werden von phrasendreschenden Großkotzen regiert, die sich über uns lustig machen. Jedenfalls haben gestern drei solcher Prachtexemplare mein Zugabteil zweifelhaft beehrt. Die haben eine richtige Vorstellung gegeben. Schon beim reinkommen. Managergrinsen, man redete laut, distinktive Machtwörter (Landtag, Fraktionssitzung, Kommission, Politprominamen etc.) ganz ganz laut. Man machte sich über Sekretärinnen lustig und es kamen auch ihre BUNGALOWS (laut!) zur Sprache. (Komisch, wo man damit doch seit 1980 beim Fußvolk gar nicht mehr angeben kann?!) Dann wurde es ruhiger, weil sie ihre Zeitungen rausholten. Aber nur kurz. Einer von den Dreien zitierte eine Passage aus einem Artikel, in dem auf die Diskrepanz zwischen Parteiprogrammen und realer Parteipolitik hingewiesen wurde. Man sah sich kurz schweigend an, um dann in brachial lautes Gelächter auszubrechen. Es fehlte nur das highfiving. Darüber kamen sie wieder ins „Gespräch“, das ein phrasen- und zynismusübersättigter Abgesang auf die Demokratie war. Und wie gesagt: laut. Schlingensief hätte das nicht schöner inszenieren können. Ich hab das nicht verstanden. Was ist daran so geil, wenn man der Welt zeigt: Seht her, politische Intelligenz ist ein ungepflegtes Grab! Ihr werdet von Idioten wie uns regiert und müßt euch selbst hassen, weil IHR uns gewählt habt. Endgültig über die Hutschnur ging es mir dann, als einer von den Dreien anfing, den beiden anderen was aus der Zeitung vorzulesen. Wieder so dermaßen laut, daß ich erst grinsen mußte. Ich dachte nach drei vier Zeilen wäre Feierabend, aber anscheinend wollte er wirklich den ganzen Artikel zur Aufführung bringen. Nach drei Minuten mußte ich tief Luft holen, um so laut dazwischenfahren zu können, daß man mich überhaupt hören konnte: „ENTSCHULDIGUNG?! Wenn sie fertig sind, darf ich ihnen dann was aus meinem Buch vorlesen? Ich bin da grad an einer so schönen Passage! Und es geht um Politiker. Das dürfte sie doch interessieren!“ Erst war der Typ total geschockt. Schnell wandelte sich seine Mimik aber Richtung: In den Staub mit dir, Unwürdiger! Ich lächelte ihn an und gab ihm zu verstehen: Bereit, wenn sie es sind! Leg mal los, Arschloch! Anscheinend hatte er aber doch was in dem Wahlkampf-PR-Kurs gelernt und sagte gequält überfreundlich: „Ja gerne, was haben sie denn da für ein Buch?“ Nachdem ich daraufhin mein Buch in die Runde gehalten habe, war unser Gespräch beendet. Er gab seinem Gegenüber die Zeitung und tippte auf die Stelle, an der ich ihn unterbrochen hatte. Ich lese grad:



der Dude – Ritter der Schwafelrunde

6 Kommentare 15.5.07 07:52, kommentieren